Aussenhandel
Zwischen Freihandel und Protektionismus
Wie die Schweiz ihren Weg in einer fragmentierten Welt findet.

12. Dezember 2025, Botschafter Ivo Germann
Geopolitische Spannungen, protektionistische Tendenzen und industriepolitische Eingriffe prägen den internationalen Handel. Die Schweiz setzt auf Offenheit, Resilienz und Diversifikation – und bleibt damit ihrem Erfolgsmodell treu.
Wir sehen eine Weltordnung im Umbruch. Die geopolitischen Spannungen, die Zunahme protektionistischer Massnahmen und die wachsende Bedeutung wirtschaftlicher Sicherheit verändern die Spielregeln des globalen Austauschs. Für eine offene, exportorientierte Volkswirtschaft wie die Schweiz ist das eine Herausforderung – aber auch eine Chance.
Die etablierte und bewährte internationale Wirtschaftsordnung gerät zunehmend unter Druck. Sicherheits- und wirtschaftspolitische Interessen vermischen sich, Sanktionen, Exportkontrollen und Investitionsprüfungen nehmen zu. Die USA setzen auf Zölle und industriepolitische Programme, die EU reagiert mit eigenen Massnahmen. China fördert gezielt den Aufbau einer eigenständigen Technologie- und Innovationsbasis. In diesem Umfeld werden Handel und Handelsschranken zunehmend als strategisches Instrument eingesetzt.
Die Schweiz bleibt offen – aber nicht naiv
Trotz dieser Entwicklungen bleibt sich die Schweiz treu: Sie betreibt keine Industriepolitik, sondern setzt auf gute Rahmenbedingungen für alle, offene Märkte und eine starke Aussenwirtschaftsdiplomatie. Die Aussenwirtschaftsstrategie des Bundes basiert auf drei Pfeilern: dem Engagement für ein regelbasiertes multilaterales Handelssystem, dem gesicherten Marktzugang für Schweizer Unternehmen und der Förderung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Diese Prinzipien haben sich bewährt – doch sie müssen laufend überprüft und weiterentwickelt werden.
«Ein zentrales Element der Schweizer Strategie ist die Diversifizierung zur Stärkung der Resilienz.»

Diversifizierung als Antwort auf Unsicherheit
Ein zentrales Element der Schweizer Strategie ist die Diversifizierung zur Stärkung der Resilienz. Mit über 35 Freihandelsabkommen verfügt die Schweiz über eines der weltweit dichtesten Netze. Allein seit 2024 wurden neue Abkommen mit Indien, Thailand, Malaysia, dem Kosovo und den Mercosur-Staaten abgeschlossen. Bestehende Abkommen mit Chile und der Ukraine wurden modernisiert. Weitere Verhandlungen mit Vietnam, dem Vereinigten Königreich und China sind im Gange.
Diese Abkommen eröffnen den Schweizer Unternehmen einen bevorzugten Zugang zu ausländischen Märkten, ermöglichen eine geografische wie auch lieferanten- und abnehmerspezifische Diversifizierung, stärken somit die Resilienz der Lieferketten und schaffen nicht zuletzt Rechtssicherheit. Über 75 Prozent der Schweizer Exporte gehen heute in Länder mit einem Freihandelsabkommen – ein Beleg für die Bedeutung dieser Strategie.
EU und USA bleiben unerlässliche Partner
Die EU bleibt mit Abstand die wichtigste Handelspartnerin der Schweiz. 60 Prozent des Warenhandels und 44 Prozent des Dienstleistungshandels entfielen im Jahr 2024 auf die EU. Die Stabilisierung und Weiterentwicklung des bilateralen Wegs ist daher ein zentrales Ziel des Bundesrats – das ist auch das Ziel des ausgehandelten Pakets Schweiz–EU. In einem zunehmend fragmentierten Umfeld sind verlässliche Partnerschaften wichtiger denn je.
Auch die Beziehungen zu den USA sind von grosser Bedeutung. Seit 2021 sind die USA der grösste Exportmarkt für Schweizer Güter. Gleichzeitig stellen die 2025 von den USA eingeführten länderspezifischen Zusatzzölle auf Schweizer Produkte eine grosse Herausforderung dar. Die Schweiz setzt hier auf Dialog statt Eskalation.
Pragmatismus statt Ideologie
Im internationalen Umfeld mehren sich Beispiele eines Subventionswettlaufs zugunsten bestimmter Branchen, Unternehmen oder Technologien. Die Schweiz macht dabei bewusst nicht mit. Sie verzichtet auf industriepolitische Massnahmen, die einzelne «Gewinner» bevorzugen und damit die Märkte verzerren. Stattdessen setzt die Schweiz auf gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen, welche allen Unternehmen zugutekommen. Dazu gehört neben wettbewerbsfreundlichen Regulierungen, der Verfügbarkeit von Bildung, Forschung und Innovation, einem gesunden Staatshaushalt, einer hohen Rechtssicherheit, einem flexiblen Arbeitsmarkt und einer effizienten Infrastruktur auch eine offene, breit abgestützte und regelbasierte Aussenwirtschaftspolitik.
Fazit: der Schweizer Weg
Offenheit und Resilienz sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Die Schweiz bleibt offen für den globalen Handel – aber sie ist auch bereit, ihre Interessen zu verteidigen und ihre Position laufend anzupassen. In einer Welt, in der sich wirtschaftliche und geopolitische Interessen zunehmend überlagern, bleibt die Schweiz ein verlässlicher Partner. Sie setzt auf Dialog, Diversifizierung und Stabilität – und damit auf einen Weg, der sich in der Vergangenheit bewährt hat. Der Schweizer Weg ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch: offen, resilient und zukunftsgerichtet.








