Schriftenreihe Aussenhandel
Womit handelt die Ostschweiz?
Ostschweiz exportiert Investitionsgüter: innovativ, aber konjunkturabhängig. Abhängigkeiten bleiben ein kritisches Thema.

10. Juni 2026
Die Ostschweiz exportiert nicht einfach «viel» – sie exportiert vor allem das, was Firmen nur kaufen, wenn sie investieren. Genau das macht die Region innovativ, aber auch konjunkturanfällig. Wenn die Industrie bremst, spürt man es hier zuerst. Gleichzeitig wächst ein zweiter, überraschender Motor heran. Er verändert, wohin die Reise künftig gehen könnte.
Die Ostschweiz verbindet bewährte Industriekompetenz mit hoher technischer Innovationskraft. Ihre Exportstruktur ist stark auf Investitionsgüter ausgerichtet: Besonders wichtig sind Maschinen, Metallwaren, Fahrzeuge und elektronische Komponenten. Diese Produkte reagieren sehr sensibel auf konjunkturelle Schwankungen: Sie sind vor allem dann gefragt, wenn Unternehmen in neue Produktionskapazitäten investieren.

Der Schweizer Aussenhandel hingegen wird insgesamt von chemischpharmazeutischen Erzeugnissen geprägt. 2024 entfielen rund 50% der Schweizer Exporte auf diese Warengruppe, in der Ostschweiz nur deren 6,4%. Diese strukturellen Unterschiede zeigen sich auch in der Dynamik: Während die Exporte beider Regionen bis 2022 stetig zunahmen, gerieten die Ostschweizer Ausfuhren ab 2023 unter Druck – aufgrund geopolitischer Unsicherheiten, höherer Energiepreise und der schwachen Industriekonjunktur im EU-Raum. So sanken die Exporte der MEM-Branchen 2024 gegenüber dem Spitzenjahr 2022 (auch bedingt durch Aufholeffekte nach der Covid-19-Pandemie) um 10,6%. Die Schweizer Gesamtexporte legten hingegen weiter zu, getragen von einem starken Exportwachstum der Pharmabranche.
Automobilindustrie: Gewichtiger Abnehmer, stark im Wandel
Die Schweizer Automobilzulieferindustrie umfasst 578 Unternehmen (davon mit 91 Unternehmen ein überproportionaler Anteil in der Ostschweiz) mit CHF 13 Milliarden Umsatz und 32’000 Beschäftigten (2023). 81% der Firmen sind KMU. Zwei Drittel beliefern auch andere Branchen – Tendenz steigend. Treiber für diesen Wandel sind Elektromobilität, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und ein starker internationaler Wettbewerb. Die örtliche Nähe zu deutschen Automobilherstellern erlaubt es Schweizer Firmen, flexibel, schnell und in hoher Qualität zu liefern – ein entscheidender Vorteil in Just-in-Time-Logistik und bei innovationsgetriebenen Entwicklungen. Bis 2030 wird ein 50%-Anteil alternativer Antriebe erwartet – mit massiven Folgen: Produkte, Prozesse und Kompetenzen müssen umgestellt werden. Dafür wird investiert: Über die Hälfte aller Ostschweizer Automobilzulieferer planen bis 2028 einen Ausbau ihrer F&E in der Schweiz (Ø F&E-Quote: 12,6%), 70% wollen die Produktion weiter automatisieren.1 Laut aktuellen Studien wird die deutsche Automobilproduktion bis 2035 stark umgebaut, aber nicht grundsätzlich schrumpfen.2 Der Anteil elektrischer Fahrzeuge dürfte über 70% steigen, klassische Verbrenner laufen aus. Bis 2040 wird ein Beschäftigungsrückgang von 10–15% erwartet, vor allem im Antriebsstrang, während neue Jobs in Software, Elektronik, Batterie- und Ladeinfrastruktur entstehen. Um wettbewerbsfähig – insbesondere gegenüber China – zu bleiben, muss die Produktivität jährlich um 5–7% zulegen. Deutschlands Stärke liegt künftig in Premiumsegmenten, innovativer Fertigung und Softwareintegration. 3

Industrielastige Ostschweiz
Maschinen sind in der Ostschweiz das wichtigste Exportgut. Das Exportvolumen stieg zwischen 2016 und 2024 um gut CHF 300 Mio., ihr Anteil an den Gesamtexporten sank jedoch leicht von rund 28% auf 26%. Die grössten Zuwächse verzeichneten die pharmazeutischen Erzeugnisse, deren Exportwert sich seit 2016 auf über eine Milliarde CHF verdoppelte – das grösste Absatzwachstum fällt auf den amerikanischen Kontinent. Auch Datenverarbeitung, Elektronik und Optik nahmen um rund CHF 330 Mio. zu, Bekleidung um etwa CHF 240 Mio. Diese Branchen waren die zentralen Treiber des Exportwachstums.
Auf der Importseite zeigt sich ein breites Bild: Maschinen, Metalle, chemische Vorprodukte und elektrische Ausrüstungen dominieren, doch keine Warengruppe macht mehr als 14% der Gesamtimporte aus. Kleinere, oft konsumgetriebene Segmente wie Bekleidung legten über die letzten Jahre am deutlichsten zu.
Kritische Abhängigkeiten der Schweiz?
Gemäss dem Bericht des Bundesrates «Handelsabhängigkeiten der Schweiz» ist die Schweiz insgesamt nur geringfügig von problematischen Importabhängigkeiten betroffen.4 Kritisch werden Abhängigkeiten laut Braml und Felbermayr5 erst, wenn (1) kurzfristig keine Substitution möglich ist, (2) Güter unmittelbar konsumrelevant sind und (3) bei Ausfällen Zwangsrationierung notwendig wird.
Von rund 5300 untersuchten Gütern gelten in der Schweiz lediglich etwa 2% der Warenimporte als potenziell kritisch – wertmässig vor allem Laptops aus China, die rund die Hälfte dieser Abhängigkeiten ausmachen.6 Weitere Beispiele wie Regenschirme oder Ahornsirup sind zwar statistisch relevant, aber sicherheits- oder versorgungspolitisch unbedeutend. Zudem zeigt die Langzeitanalyse, dass sich Märkte rasch anpassen: Etwa die Hälfte aller Abhängigkeiten verschwindet innerhalb von fünf Jahren, was auf die hohe Resilienz der Schweizer Volkswirtschaft hinweist.7 Die Unternehmen reagieren primär über Lieferantendiversifizierung und Vorratshaltung, während der Staat subsidiär mit Pflichtlagern, aussenwirtschaftlicher Diversifizierung und internationalen Initiativen zur Versorgungssicherheit flankiert.8
Aktuell gewinnt das Thema «kritische Abhängigkeiten» neue Relevanz: Mit den jüngsten chinesischen Exportverschärfungen bei seltenen Erden zeigt sich exemplarisch, wie rasch technologische und sicherheitspolitische Risiken entstehen können.9 Die Schweizer Offenheit ermöglicht überproportionale Wohlfahrtsgewinne, erhöht aber gleichzeitig die Sensibilität gegenüber globalen Störungen. Deshalb hält die Schweiz minimale strategische Reserven für lebenswichtige Güter – in erster Linie, um für den Kriegsfall gewappnet zu sein.10 Insgesamt verfolgt die Schweiz eine Doppelstrategie: marktwirtschaftliche Eigenverantwortung kombiniert mit gezielter staatlicher Flankierung. Angesichts zunehmender «Weaponisation» von Handelsströmen – der politisch motivierten Nutzung von Exporten und Importen als Druckmittel11 – setzt sie auf offene Märkte, Diversifizierung und internationale Kooperation statt Autarkie.
Die gesamte Analyse, detaillierte Resultate unserer Mitgliederumfrage und die umfassende Position der IHK St.Gallen-Appenzell finden sie in unserer Schriftenreihe:
Die Position der IHK: Stark bleiben in einer unsicheren Welt – durch klare Regeln, offene Märkte und verlässliche Partnerschaften
Die Schweiz ist zu klein für Machtspiele und doch zu wichtig, um auf dem Nebenschauplatz zu stehen.
Ihre Bedeutung beruht nicht auf Grösse, sondern auf Verlässlichkeit, Spezialisierung und Innovationskraft. In einer Welt wachsender Unsicherheit behauptet sie sich durch klare, berechenbare Regeln und marktwirtschaftliche Ordnung. Investitionen in Bildung, Forschung, Infrastruktur und Digitalisierung fördern Anpassungsfähigkeit und stärken das Vertrauen in den Standort.
Die Schweiz setzt auf Rahmenbedingungen statt Industriepolitik.
Bilaterale Beziehungen zur EU weiterentwickeln – Stillstand gefährdet Export, Innovation und Arbeitsplätze. Die EU ist für die Ostschweiz der bedeutendste Markt im Ausland. Reibungsloser Handel mit Nachbarländern hält Lieferketten stabil und stärkt die Produktion vor Ort. Bleiben Aktualisierungen der Abkommen aus, entstehen für die regionale Industrie schrittweise Hürden. Eine moderne Partnerschaft mit der EU bewahrt unseren Zugang zum EU-Binnenmarkt und sichert Innovationskraft, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Ostschweiz.
Freihandel und Diversifikation eröffnen Chancen weltweit – zu grosse Abhängigkeiten machen verwundbar.
Die Ostschweiz kann in Wachstumsregionen neue Kundinnen und Kunden gewinnen, wenn moderne Freihandelsabkommen den Zugang erleichtern und Kosten senken. Gleichzeitig stärkt jede Erweiterung des Marktes die Unabhängigkeit: Wer mehrere Absatz- und Beschaffungswege hat, reagiert besser auf Krisen und geopolitische Konflikte. Diversifizierter Handel erhöht die Widerstandskraft unserer regionalen Wirtschaft.
1 Schulze et al. (2024)
2 BMWE (2020)
3 Petri et al. (2024)
4 Bundesrat (2024)
5 Braml & Felbermayr (2024)
6 Bundesrat (2024)
7 Lukaszuk (2025)
8 Bundesrat (2024); MacLeod (2025)
9 Oroschakoff und Weber (2025)
10 Weder (2025)
11 Farrell & Newman (2025); OECD (2025)
12 Rentsch (2025)