IHK aktuell
Wirtschaft im Schulterschluss
Daniel Grünenfelder und Maximilian Rüdisser im Doppelinterview.

8. Mai 2026, Bruno Eisenhut
Daniel Grünenfelder, Präsident des AGV Sarganserland-Werdenberg, und Maximilian Rüdisser, Geschäftsführer der Liechtensteinischen Industrie- und Handelskammer, sprechen im Doppelinterview über die wirtschaftliche Bedeutung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.
Herr Grünenfelder, Herr Rüdisser: Wie wichtig ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit für den gemeinsamen Wirtschaftsraum Werdenberg/Liechtenstein?
Maximilian Rüdisser: Sehr wichtig. Wir befinden uns in einem gemeinsamen Arbeits-, Wirtschafts- und Lebensraum mit einer Vielzahl an Verflechtungen.
Daniel Grünenfelder: Für die Region ist die Zusammenarbeit zentral. Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft sind eng verflochten und profitieren gegenseitig voneinander.
Was macht diese Partnerschaft aus Ihrer Sicht so besonders?
MR: Es sind langjährige Beziehungen, die zum Aufbau von viel Vertrauen geführt haben. Dies macht Distanzen kürzer und die Zusammenarbeit effizienter. Institutionell verankert wird die Partnerschaft dabei insbesondere durch den Zollvertrag.
DG: Ich möchte auch die gemeinsame Währung mit einheitlicher Mehrwertsteuerregelung oder die Tausenden von Arbeitnehmenden erwähnen, welche täglich – in beide Richtungen – über den Rhein pendeln.
Zu den Personen
Daniel Grünenfelder ist Inhaber und Geschäftsführer der trampena gmbh in Bad Ragaz. Zudem ist er Präsident des AGV Sarganserland-Werdenberg. Er gehört der Verbandsleitung Hotellerie Suisse und dem Vorstand sowie Ausschuss des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes an. Weiter ist er St.Galler Kantonsrat und gehört dem politischen Beirat der IHK an. Zudem ist Daniel Grünenfelder Mitbesitzer der Walenseeschifffahrt und prägte 2023 mit der Überführung des MS Schwyz einen der spektakulärsten Schwertransporte der Schweiz.
Dr. Maximilian Rüdisser ist Geschäftsführer der Liechtensteinischen Industrie- und Handelskammer. Zuvor war Rüdisser als Generalsekretär des Ministeriums für Infrastruktur und Justiz tätig. Weitere Erfahrungen sammelte der promovierte Ökonom in der Privatwirtschaft, bspw. im Vertrieb einer Versicherung und einer Marketingagentur. Er ist zudem Mitglied des Vorstands des Hightech Campus Buchs.
Wo zeigt sich an Beispielen, dass Liechtenstein, Werdenberg und die Ostschweiz wirtschaftlich eng miteinander verflochten sind?
MR: Ein Beispiel sind die eng verflochtenen Wertschöpfungsketten. Diverse LIHK-Mitgliedsunternehmen verfügen über Niederlassungen im Kanton St.Gallen oder in der nahen Umgebung und nutzen die jeweiligen standortspezifischen Vorteile. Und auch umgekehrt ist es der Fall. Weiter sind grenzüberschreitende Forschungskooperationen zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen beidseits des Rheins zu nennen.
DG: Unternehmensprozesse sind teilweise bewusst auf beiden Seiten des Rheins angesiedelt – sei es im eigenen Betrieb oder über Zulieferer auf der jeweils anderen Seite. Viele Schweizer KMU sind Zulieferer für grosse Industrieunternehmen in Liechtenstein.
«Bildungsabsolventen und -absolventinnen, egal, ob aus der Region oder von weiter entfernt, finden auf beiden Seiten des Rheins hoch spannende Arbeitsplätze.»

In welchen Bereichen profitieren Liechtenstein und die Ostschweiz heute besonders stark voneinander?
DG: Liechtenstein hat mehr Arbeitsplätze als Erwerbstätige im eigenen Land und ist deshalb auf Pendler aus der Schweiz angewiesen. Ebenso ist Liechtenstein in weiten Teilen auf die Verkehrsinfrastruktur der Schweiz angewiesen. Umgekehrt profitiert die Ostschweiz erheblich von der Kaufkraft der nach Liechtenstein pendelnden Arbeitnehmenden sowie von deren Steuerkraft als Wohnbevölkerung in der Schweiz.
MR: Hinzu kommt die starke Bildungslandschaft in unserer Region. Und Bildungsabsolventen und -absolventinnen, egal, ob aus der Region oder von weiter entfernt, finden auf beiden Seiten des Rheins hoch spannende Arbeitsplätze. Zusammen mit einer attraktiven Landschaft zieht dies Arbeitskräfte an, wovon die gesamte Region profitiert.
Wo stösst die grenzüberschreitende Zusammenarbeit trotz aller Nähe an Grenzen?
DG: Ein zentrales Hindernis bleiben Voranmeldefristen und limitierte Einsatztage im grenzüberschreitenden Dienstleistungsverkehr. Die Schweiz hätte rechtlichen Spielraum, doch in Bern fehlt der politische Wille. Zugleich ist es für Schweizer Unternehmen oft schwierig, in Liechtenstein eine Gewerbebewilligung zu erhalten, während in der Schweiz deutlich tiefere oder keine vergleichbaren Hürden gelten. Diese Asymmetrie belastet die Zusammenarbeit und bremst die wirtschaftliche Integration.
MR: Liechtenstein ist Mitglied des EWR. Diese Mitgliedschaft bringt sehr viele Vorteile für die Wirtschaft, in Kombination mit dem Zollvertrag führt die EWR-Mitgliedschaft jedoch teilweise zu Herausforderungen bei der Rechtsetzung.
«Es braucht eine bessere Koordination der Sozialversicherungssysteme – namentlich bei Pensionskasse und Unfallversicherung – für Arbeitnehmende, die in beiden Ländern tätig sind.»

Wo braucht es einfachere Regeln und Verfahren?
DG: Prioritär wäre die deutliche Vereinfachung der Melderegelungen im grenzüberschreitenden Dienstleistungsverkehr auf Schweizer Seite anzustreben. Darüber hinaus braucht es eine bessere Koordination der Sozialversicherungssysteme – namentlich bei Pensionskasse und Unfallversicherung – für Arbeitnehmende, die in beiden Ländern tätig sind.
MR: In diesen Punkten gehe ich mit Daniel Grünenfelder einig.
Was braucht es, damit sich dieser gemeinsame Wirtschaftsraum auch in Zukunft erfolgreich weiterentwickeln kann?
MR: Es ist wichtig, dass Behörden und Wirtschaft beidseits des Rheins auch in Zukunft jederzeit auf Augenhöhe miteinander sprechen. Nur so bleibt am Ende das Verständnis für die gegenseitigen Anliegen. Zudem können wir durch einen regelmässigen Blick auf die andere Seite von unseren Erfahrungen profitieren.
DG: Bestehende Hemmnisse und überflüssige staatliche Eingriffe müssen gezielt abgebaut werden. Und Investitionen in eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur sind unerlässlich.
MR: Ja, das stimmt. Es gibt diverse Chancen in der gemeinsamen Weiterentwicklung der Infrastruktur, bspw. auch im Bereich der Gesundheit.

