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Vom Leinwandzentrum zum Lehrstück für die Gegenwart

Das historische Erbe der IHK ist seit 2025 im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen systematisch erschlossen.

12. Dezember 2025, Fabian Pernstich

Das historische Erbe der IHK respektive ihrer Vorgängerorganisationen, des Kaufmännischen Directoriums und der Gesellschaft zum Notenstein, ist seit 2025 im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen systematisch erschlossen. Mit dem ersten Band der dabei entstandenen Schriftenreihe wird ein packender Blick in die turbulente Welt der St.Galler Kaufleute im 17. und 18. Jahrhundert gewährt. Der Auftaktband zeigt, wie Handelskriege, Protektionismus und Nachfragewandel das einstige Textilzentrum prägten und welche erstaunlichen Parallelen es zu gegenwärtigen Debatten um Freihandel und offene Märkte gibt.

Die Wurzeln der IHK St.Gallen-Appenzell reichen bis ins Jahr 1466 zurück. Damit ist sie nicht nur eine der ältesten ihrer Art in Europa, sondern auch Hüterin einer einzigartigen Wirtschaftsgeschichte. Mit der neu lancierten Schriftenreihe «Beiträge zur St.Galler Wirtschaftsgeschichte» öffnet die IHK diesen Schatz für eine breitere Leserschaft. Der erste Band von Dr. Nicole Stadelmann (Co-Leiterin von Stadtarchiv und Vadianischer Sammlung der Ortsbürgergemeinde St.Gallen) trägt den Titel «Handwerk, Handel, Nachfragewandel» und widmet sich dem Produktionsstandort St.Gallen in der Frühen Neuzeit.

Markus Bänziger und Nicole Stadelmann am IHK-Ehemaligenanlass vom 4. Juli 2025.

Der erste Band der neuen wirtschaftsgeschichtlichen Forschungsreihe wurde im Rahmen des alle zwei Jahre stattfindenden Treffens ehemaliger und aktiver Vorstandsmitglieder am 4. Juli 2025 vorgestellt. Er trägt den Titel «Handwerk, Handel, Nachfragewandel: Der Produktionsstandort St.Gallen in der Frühen Neuzeit». Die Publikation kann bei der IHK auch als Printversion bezogen werden.

St.Galler Qualität mit Strahlkraft

Der erste Band führt mitten hinein in die goldene Zeit des St.Galler Leinwandgewerbes und zeigt zugleich dessen Krisen. Ein Freihandelsabkommen mit Frankreich sicherte den Kaufleuten im 16. Jahrhundert zollfreie Zugänge zu einem der wichtigsten Absatzmärkte Europas. Die Qualität der St.Galler Leinwand war legendär, die Gewinne beträchtlich. Doch mit dem Einzug des Merkantilismus im 17. Jahrhundert änderten sich die Spielregeln. Schutzzölle, Zollkriege und wachsende Konkurrenz aus dem Umland setzten die Kaufleute unter Druck.

«Die Schriftenreihe beleuchtet bislang unerzählte Kapitel der regionalen Wirtschaftsgeschichte und inspiriert Historiker, Wirtschaft und Öffentlichkeit gleichermassen.»

Markus Bänziger

Mit Zöllen kamen Herausforderungen

Die Stadt, einst Herrin über das begehrte Gütesiegel «St.Galler Leinwand», wurde herausgefordert. Landhandwerker konnten günstiger produzieren, Konsumenten verlangten billigere Stoffe und neue Materialien wie Baumwolle gewannen an Popularität. Das Geschäftsmodell der St.Galler Weber und Händler geriet ins Wanken. Manche Grosskaufleute reagierten mit Boykotten, andere verlegten ihre Geschäfte ins benachbarte Hauptwil oder Rorschach, wo weniger strenge Auflagen galten.

Damals wie heute

Die Publikation zeigt anschaulich, dass wirtschaftlicher Erfolg schon damals von denselben Faktoren abhing wie heute: Innovationsbereitschaft, Anpassung an Kundenbedürfnisse und offene Märkte. Der damalige Streit um Zollprivilegien erinnert frappant an heutige Diskussionen über Freihandelsabkommen, Lieferketten oder protektionistische Tendenzen.

Dieser Artikel wurde im Rahmen des Facts Nr. 4/2025 veröffentlicht.

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