Aussenhandel

US-Zölle? – So en Chäs!

Wie ein Toggenburger Käser zum Star in New York wurde – und wie Donald Trumps Zölle seine Erfolgsgeschichte fast zum Stillstand brachten.

12. Dezember 2025, Fabio Giger

700 Laibe Chällerhocker liegen in einem Kühlcontainer irgendwo zwischen Tufertschwil und der US-Ostküste, als Donald Trump der Schweiz einen schwarzen 1. August bescherte. 39 Prozent Zölle auf fast alle Schweizer Waren – auch auf Käse. Für Walter Räss, Käsermeister aus Tufertschwil bei Lütisburg, war klar: «Die gehen raus. Egal zu welchem Preis.» Die Rücknahme wäre teurer gewesen: Stillstand, volle Keller, alter Käse. «Sonst wäre ich darauf sitzengeblieben», sagt er.

Das letzte halbe Jahr war für Walter Räss geprägt von Zöllen, Zweifel und Zuversicht. Seit dem 14. November steht eine neue Vereinbarung im Raum: Die zusätzlichen Zölle auf Käse sollen wieder auf das ursprüngliche Niveau zurückfallen. Für den Toggenburger Käser bedeutet das eine Entlastung. Sein Betrieb könnte im US-Markt wieder konkurrenzfähig werden – vorbehaltlich weiterer politischer Entscheide.

Vom Toggenburg nach Manhattan

Seit bald 20 Jahren verkauft Räss seinen Käse in die USA. Dass es überhaupt so weit kam, war Zufall. 2005 probierte ein amerikanischer Foodscout seinen Käse und vermittelte den Kontakt zu einem Importeur in New York. Zwei Jahre später gingen die ersten Laibe über den Atlantik. Heute exportiert Räss rund einen Drittel seiner 15’000 Käselaibe pro Jahr in die Vereinigten Staaten.

Jeden Sommer reist er nach New York zu einer grossen Käsemesse. Dort tritt er in seiner Toggenburger Tracht auf. «Wenn ich nach New York gehe, muss ich so kommen. Chällerhocker, Räss und die Tracht – das gehört zusammen», sagt er und lacht. Inzwischen wird er auf der Strasse erkannt, umarmt, fotografiert. «Ich bin dort bekannt wie ein rotes Tuch.»

«Diese Ankündigungen aus dem Oval Office haben bis hierher in unseren Keller durchgeschlagen.»

Der Zollhammer trifft ins Herz

Die USA wurden zu seinem wichtigsten Exportmarkt, und seit Trump die Zölle auf Schweizer Käse erhöht hat, auch zum grössten Risiko. «Diese Ankündigungen aus dem Oval Office haben bis hierher in unseren Keller durchgeschlagen», sagt Räss. Seit Anfang Jahr haben sich seine Käse dort um 60 Prozent verteuert. Neben einem Basiszoll von 10 % sind seit dem August nochmals 39 % dazu gekommen. Zusätzlich führt auch der schwache Dollar zu einem 10 %-Kostenaufschlag.

Bestellungen aus den USA wurden storniert. Räss reagierte sofort. «Das Erste, was ich gemacht habe, war, die Produktion zu drosseln.» Zeitweise verarbeitete er täglich rund 800 Liter Milch weniger. Für die Bauern kam das zur Unzeit. Der Sommer hatte ideale Bedingungen gebracht – genügend Regen, kräftiges Graswachstum, viel Futter. Entsprechend war auch die Milchmenge hoch. «Es hatte überall genug Milch», sagt Räss.

Neue Wege, alte Märkte

Zusätzlich können die bereits produzierten Käse länger im Lager behalten werden. Doch auch hier ist der Spielraum begrenzt. Der Chällerhocker reift im Durchschnitt zehn bis zwölf Monate. Einige Monate dürfe er länger lagern, aber nicht unbegrenzt. «Um den Reifeprozess zu verlangsamen, könnten wir die Temperatur im Lager senken, aber dann leidet die Qualität», sagt Räss.

Walter Räss geht in der Toggenburger Tracht zu Kunden nach New York.

So kurzfristig neue Absatzmärkte zu finden ist schwierig. «Wenn ich jetzt behaupten würde, ich könne meinen Käse anderswo verkaufen, dann hätte ich vorher geschlafen», sagt Räss. Trotzdem: In Deutschland läuft es besser, ein paar Laibe gingen neu nach Finnland.

Dann kam der Anruf von, «natürli», einem Zulieferer eines Grossverteilers. Nach einem Fernsehbeitrag über die Strafzölle meldete sich der Händler. Der Chällerhocker sollte in zusätzliche Kühlregale eines Grossverteilers. «Das ist eine tolle Sache», sagt Räss. «So können wir den Einbruch im US-Geschäft wenigstens teilweise auffangen.»

Vielleicht reisen die Chällerhocker bald noch weiter

Inzwischen sind die 700 Laibe in Amerika angekommen – und grösstenteils bereits verkauft und verspeist. Die amerikanischen Bestellungen sind zurück, weniger als früher, aber mehr als erhofft. Offenbar sind die Kundinnen und Kunden in den USA bereit, mehr für den Käse aus Tufertschwil zu bezahlen. Räss telefoniert regelmässig mit seinem Importeur in New York. «Er verkaufte den Käse eine Zeit lang mit null Prozent Marge, einfach damit er im Regal bleibt», sagt Räss.

Walter Räss bleibt umtriebig, überhaupt kein Kellerhocker: «Wir müssen die Märkte, die wir haben, weiter pflegen. Ein neuer Markt kommt nicht über Nacht.» Er glaubt, dass die Zölle irgendwann sinken, aber nicht ganz verschwinden. Sein Exporteur befürchtet dasselbe. Deshalb sucht Räss’ Exporteur in den USA neue Wege. «Er möchte die Kontakte nach Australien ausbauen. Das wäre ein nächster Schritt», sagt Räss. Nächsten Sommer sollen dazu Gespräche stattfinden.

Weitere Artikel des Facts 4/2025:

Ostschweizer Handel im Wandel

Ostschweizer Handel im Wandel

Zwischen Freihandel und Protektionismus

Zwischen Freihandel und Protektionismus

«Der Aussenhandel wird komplexer, das Bedürfnis nach Wissen wächst»

«Der Aussenhandel wird komplexer, das Bedürfnis nach Wissen wächst»

Bilaterale III: Stabilität für die Ostschweiz

Bilaterale III: Stabilität für die Ostschweiz

«Ohne Personenfreizügigkeit könnten wir aus Schweizer Milch keinen Frischkäse machen»

«Ohne Personenfreizügigkeit könnten wir aus Schweizer Milch keinen Frischkäse machen»

Bauen ohne Papier. Bewilligen ohne Umwege.

Bauen ohne Papier. Bewilligen ohne Umwege.

Der Versuchung widerstehen

Der Versuchung widerstehen

Wie Ostschweizer Unternehmen den Aussenhandel neu denken

Wie Ostschweizer Unternehmen den Aussenhandel neu denken

Exportstarke Unternehmen sichern das hohe Lohnniveau in der Ostschweiz – davon profitieren alle

Exportstarke Unternehmen sichern das hohe Lohnniveau in der Ostschweiz – davon profitieren alle