Konjunktur
Unterschiedliche Strategien
im Zollsturm
Drei Stimmen von Ostschweizer Unternehmen zu den Auswirkungen von US-Zöllen.

26. September 2025, Livio Kaiser
Die US-Zölle treffen die Ostschweizer Unternehmen unterschiedlich stark. In einer IHK-Mitgliederumfrage berichteten bereits knapp die Hälfte der befragten Unternehmen von negativen Effekten, zwei Drittel erwarten solche in naher Zukunft. Die Betroffenheit variiert je nach Branche, Marktorientierung, Unternehmensgrösse und Spezialisierungsgrad. Entsprechend begegnen die Unternehmen diesen Herausforderungen mit unterschiedlichen Strategien. Drei Stimmen aus der Ostschweiz verdeutlichen dies.
Die knusprigen Kägi-Waffeln aus Lichtensteig sind weltweit beliebt. In den USA bleibt der Genuss jedoch vorerst ein teures Vergnügen. Beim Lebensmittelhersteller Kägi Söhne AG sind die Auswirkungen der Zölle zwar überschaubar, dennoch musste eine geplante Marktoffensive in den USA gestoppt werden. «Mit der Produktion in der Schweiz können wir kaum mehr kompetitiv im US-Markt sein», hält CEO Cedric El-Idrissi fest. Die Kombination aus US-Zöllen und Dollarschwäche habe Kägi-Produkte zusätzlich verteuert. Das grosse Wachstumspotenzial, das man sich vom US-Markt versprach, fällt damit vorerst weg.
«Mit der Produktion in der Schweiz können wir kaum mehr kompetitiv im US-Markt sein.»

Marktposition ist entscheidend
Die Halbleiterindustrie wächst rasant. Mittendrin behauptet sich die VAT Group aus Haag als weltweit führende Entwicklerin von Hochvakuumlösungen für die Halbleiterproduktion. Zwar schlägt der Zollaufschlag zu Buche, seine unmittelbaren Folgen sind jedoch begrenzt. Das Unternehmen ist in der Lage, dank Marktführerschaft und entsprechenden Vertragsklauseln die Zölle weiterzugeben. «Unsere hoch spezialisierten Produkte sind kaum substituierbar», erklärt CFO Fabian Chiozza. Die Belastung äussert sich daher primär in höheren Preisen, nicht in Auftragsverlusten. Bei der VAT liegt der Fokus entsprechend auf enger Zusammenarbeit mit den US-Kunden, um den Mehrkosten gemeinsam zu begegnen.
Stärker betroffen ist die Maschinenherstellerin Mosmatic AG aus Necker, die Zubehör für Autowasch- und Hochdruckanlagen herstellt. Mosmatic exportiert 97 % ihrer Produkte, wovon rund ein Viertel in die USA geht. CEO Patrick Rieben spricht von klaren Wettbewerbsnachteilen gegenüber europäischen Konkurrenten und warnt: «Mittelfristig werden wir Marktanteile verlieren, sollten die Zölle nicht sinken.»
Alternative Absatzmärkte oder Fokus auf USA?
Der Mittlere Osten und Asien gewinnen für Kägi an Gewicht, die USA bleiben sekundär. In der Schweiz sind dadurch laut El-Idrissi keine Arbeitsplätze gefährdet. Der US-Anteil am Umsatz sei zu klein. Mosmatic hingegen kann den US-Markt nicht umgehen, dafür ist er für das Toggenburger Unternehmen inzwischen zu bedeutend.
«So entstehen zusätzliche Arbeitsplätze in den USA, die in der Schweiz hätten entstehen können.»

Seit Jahren produziert die Firma kleinere Komponenten in den USA. Mit einer Local-for-local-Strategie wird die US-Produktion nun weiter ausgebaut. Zwei neue Produktionsanlagen entstehen vor Ort. Dieser Ausbau hätte auch in der Schweiz geschehen können. «So entstehen zusätzliche Arbeitsplätze in den USA, die in der Schweiz hätten entstehen können», bedauert Rieben. Doch selbst die Produktion in den USA sei nicht von Zöllen befreit, da wichtige Rohmaterialien weiterhin importiert werden müssten.
Politische Lösungen sind gefragt
Die VAT sieht sich dank globaler Ausrichtung robust positioniert. Investitionen in ein neues Innovationszentrum in Haag unterstreichen das Vertrauen in den Standort Schweiz. Chiozza betont, dass die Halbleiterindustrie strukturell wachse und die Nachfrage nach VAT-Produkten gesichert sei. Darauf hätten kurzfristige Handelskonflikte wenig Einfluss. Eine Verlagerung von Produktionskapazitäten in die USA ist deswegen nicht geplant. Für die Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt gilt es vielmehr, die inländischen Rahmenbedingungen zu verbessern und damit den Industriestandort nachhaltig zu stärken. Von der Schweizer Politik fordert Chiozza dafür gezielte Schritte zur weiteren Reduktion von Bürokratie und das Absehen von neuen Steuerbelastungen. Auch Mosmatic und Kägi verweisen auf dieses Verbesserungspotenzial im Inland. Solche Massnahmen schaden insbesondere kleineren und mittleren Unternehmen. Schlankere Prozesse seien zudem entscheidend, damit Unternehmen flexibel auf geopolitische Herausforderungen reagieren könnten.
«Neben unternehmensfreundlichen Rahmenbedingungen ist die Politik gefragt, offene Märkte und ein klares Bekenntnis zu Europa zu fördern.»

Die jüngste IHK-Mitgliederumfrage zeigt deutlich: Über 80 % der Ostschweizer Unternehmen fordern eine rasche diplomatische Einigung im Zollstreit mit den USA. Auch die drei befragten Firmen bestätigen diese Haltung. Zugleich bleibt die Bedeutung der europäischen Märkte unbestritten. Chiozza betont weiter: «Neben unternehmensfreundlichen Rahmenbedingungen ist die Politik gefragt, offene Märkte und ein klares Bekenntnis zu Europa zu fördern.» So gilt es zum Beispiel auch, für ausländische Fachkräfte, die nicht in der Schweiz rekrutiert werden können, weiter vereinfachte Anstellungsmodalitäten zu schaffen.




