Schriftenreihe Aussenhandel
Unterschätzter Dienstleistungshandel
Dienstleistungen sind der unsichtbare Riese des Aussenhandels. Dabei ist die EU nach wie vor die führende Handelspartnerin.

16. Juni 2026
Dienstleistungen sind der Teil des Aussenhandels, den man nicht an der Grenze sieht – und gerade deshalb leicht unterschätzt. Während Waren sauber gezählt werden, bleibt vieles von Software bis Wartung statistisch im Schatten. Dabei wächst dieser «unsichtbare Riese» schneller als der Warenhandel und entscheidet zunehmend über Wettbewerbsfähigkeit.
Welche Waren die Ostschweizer Unternehmen ins Ausland verkaufen, ist in der Zollstatistik genau belegt. Anders bei den Dienstleistungen: Der Bund publiziert keine kantonale Statistik über den internationalen Dienstleistungshandel. Dabei tragen Dienstleistungen mittlerweile 37% zum gesamten Aussenhandelsvolumen der Schweiz bei.1 In den vergangenen vier Jahrzehnten ist der internationale Dienstleistungshandel der Schweiz fast doppelt so stark gewachsen wie der Warenhandel. Auch weltweit ist der Anteil von Dienstleistungen am Welthandel zwischen 1995 und 2023 von 19% auf 25% gestiegen. Besonders digitale Dienstleistungen (Daten, Software, Apps etc.) verzeichneten ein starkes Wachstum und machten 2023 mehr als die Hälfte aller Dienstleistungsexporte aus.2
Welche Dienstleistungen werden erfasst?
Gemäss WTO werden zwischen vier Erbringungsarten unterschieden (Frei, 2021):
- Grenzüberschreitender Handel – Leistung wird vom Sitzland des Anbieters ins Ausland geliefert, z.B. Software, Cloud-Services oder Streaming-Abos.
- Konsum im Ausland – Kundinnen und Kunden reisen zum Anbieter, etwa für Tourismus, Studium oder medizinische Behandlungen.
- Kommerzielle Präsenz – Unternehmen gründen Tochtergesellschaften im Ausland, z.B. Bankfilialen oder Niederlassungen von Beratungsfirmen.
- Temporäre Entsendung von Personen – Fachkräfte arbeiten vorübergehend im Ausland, z.B. für Installation oder Wartung von Maschinen.3
Allerdings sind auch diese Zahlen mit Vorsicht zu interpretieren. Naturgemäss passieren Dienstleistungen keine Zolldienststellen. Sie können daher nicht systematisch nach Art, Bestimmungsland oder Herkunftsort erfasst werden. Stattdessen basieren die Zahlen auf Umfragen und Schätzungen, was zu systematischer Untererfassung führt.4 Die WTO schätzt, dass weltweit 55 % des Dienstleistungshandels unerfasst bleiben.5
Die Schweizer Dienstleistungsexporte sind breit diversifiziert, konzentrieren sich aber zu mehr als zwei Dritteln auf einige wenige Kernbereiche:
- Lizenz- und Patentgebühren: für die Nutzung geistigen Eigentums,
etwa Pharmapatente, Software oder Sportrechte.6 - Finanzdienstleistungen: Die Schweiz ist Weltmarktführerin in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung mit rund 25 % globalem Marktanteil. Schweizer Banken verwalten nahezu 8000 Mrd. CHF, wovon etwa die Hälfte aus dem Ausland stammt.7
- Versicherungen: Besonders Rückversicherer operieren global und versichern Risiken über die Grenzen hinweg.8
- Kapitalmarkt- & Bankgeschäfte: Zahlungsabwicklung für globale Unternehmen und weltweites Angebot von Finanzprodukten.
- Tourismus: 2024 wurden insgesamt 43 Millionen Übernachtungen gezählt. Jede zweite Logiernacht fällt auf einen ausländischen Gast.9
Eine Sonderrolle spielen die in der Schweiz ansässigen internationalen Sportverbände wie FIFA, UEFA und IOC. Sie generieren beträchtliche Exporteinnahmen über Medien- und Vermarktungsrechte.10 Diese sind derart bedeutend, dass der Bund die Berechnung des Schweizer BIP gar um die Auswirkungen grosser (und unregelmässiger) internationaler Sportveranstaltungen bereinigt.11 41 % des Schweizer Dienstleistungshandels fanden 2024 mit Ländern der EU statt.
Betrachtet man die einzelnen Staaten, stehen die USA an der Spitze: Mit einem Volumen von 81 Milliarden CHF (49 Mrd. Import, 32 Mrd. Export) und einem Anteil von 24 % waren sie der wichtigste Handelspartner.12
Die gesamte Analyse, detaillierte Resultate unserer Mitgliederumfrage und die umfassende Position der IHK St.Gallen-Appenzell finden sie in unserer Schriftenreihe:
Die Position der IHK: Stark bleiben in einer unsicheren Welt – durch klare Regeln, offene Märkte und verlässliche Partnerschaften
Die Schweiz ist zu klein für Machtspiele und doch zu wichtig, um auf dem Nebenschauplatz zu stehen.
Ihre Bedeutung beruht nicht auf Grösse, sondern auf Verlässlichkeit, Spezialisierung und Innovationskraft. In einer Welt wachsender Unsicherheit behauptet sie sich durch klare, berechenbare Regeln und marktwirtschaftliche Ordnung. Investitionen in Bildung, Forschung, Infrastruktur und Digitalisierung fördern Anpassungsfähigkeit und stärken das Vertrauen in den Standort.
Die Schweiz setzt auf Rahmenbedingungen statt Industriepolitik.
Bilaterale Beziehungen zur EU weiterentwickeln – Stillstand gefährdet Export, Innovation und Arbeitsplätze. Die EU ist für die Ostschweiz der bedeutendste Markt im Ausland. Reibungsloser Handel mit Nachbarländern hält Lieferketten stabil und stärkt die Produktion vor Ort. Bleiben Aktualisierungen der Abkommen aus, entstehen für die regionale Industrie schrittweise Hürden. Eine moderne Partnerschaft mit der EU bewahrt unseren Zugang zum EU-Binnenmarkt und sichert Innovationskraft, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Ostschweiz.
Freihandel und Diversifikation eröffnen Chancen weltweit – zu grosse Abhängigkeiten machen verwundbar.
Die Ostschweiz kann in Wachstumsregionen neue Kundinnen und Kunden gewinnen, wenn moderne Freihandelsabkommen den Zugang erleichtern und Kosten senken. Gleichzeitig stärkt jede Erweiterung des Marktes die Unabhängigkeit: Wer mehrere Absatz- und Beschaffungswege hat, reagiert besser auf Krisen und geopolitische Konflikte. Diversifizierter Handel erhöht die Widerstandskraft unserer regionalen Wirtschaft.
Viele Dienstleistungsbranchen wachsen rasch. Besonders Transport, ICT, Lizenzgebühren sowie Forschung und Entwicklung haben in den vergangenen acht Jahren ein überdurchschnittliches Exportwachstum verzeichnet. Waren- und Dienstleistungshandel sind allerdings eng miteinander verflochten. 2013 wurde die Exportwertschöpfung mit Dienstleistungen wie Wartung, Installation, Softwareintegration oder Schulung in der Schweizer Maschinenindustrie auf rund 35% geschätzt. Dieser Anteil dürfte seither durch Digitalisierung und veränderte Geschäftsmodelle weiter gestiegen sein. Aktuellere Zahlen existieren derzeit nicht. Industrieunternehmen exportieren längst nicht mehr nur Maschinen und Geräte, sondern komplette Lösungen: von Engineering und Projektplanung bis zu Aftersales-Service. Diese Servicekomponenten schaffen zusätzliche sowie oft stabilere Erträge und sind ein zentraler Teil der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.13
Wie ist der Handel mit Dienstleistungen geregelt?
Trotz der engen Verknüpfung von Waren- und Dienstleistungshandel verlaufen deren handelspolitische Entwicklungen unterschiedlich. Während der Abbau von Handelshemmnissen im Warenhandel bereits seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch internationale Abkommen vorangetrieben wurde, entstand mit dem GATS (General Agreement on Trade in Services) erst 1995 die erste allgemeine Rahmenordnung für die Liberalisierung des weltweiten Dienstleistungshandels. Der Bedarf an modernisierten Freihandelsabkommen, die den Dienstleistungssektor explizit berücksichtigen, ist gross.14 Aus diesem Grund schlägt die Schweiz bei Verhandlungen für ein FHA meist ein separates Kapitel zum Dienstleistungshandel vor.15 Ein aktuelles Beispiel ist das Freihandelsabkommen mit Indien, das neben Bestimmungen zum Güterhandel auch den Handel mit Dienstleistungen umfasst. Mit klaren und transparenten Fristen zur Bewilligung von Lizenzen profitieren vor allem auch die Finanzdienstleistungserbringer. Auch die Einreise für Installations- und Wartungspersonal – mit Aufenthalten von bis zu drei Monaten pro Jahr – stellt einen bedeutenden Fortschritt dar.16 Im Gegensatz zum Warenhandel stehen im Dienstleistungsbereich nicht Zölle im Vordergrund, sondern nichttarifäre Handelshemmnisse wie etwa nationale Standards, regulatorische Vorgaben oder staatliche Markteingriffe.17 Ein Abbau dieser bestehenden Handelshemmnisse dürfte sowohl der Schweizer Wirtschaft als auch den Konsumentinnen und Konsumenten zugutekommen,18 da sie einen erleichterten Zugang zu ausländischen Absatzmärkten für eine ganze Bandbreite von unabhängigen, individuellen Dienstleistern bis hin zu den Grosskonzernen ermöglichen. Auch ausländische Anbieter haben leichteren Zugang zum Schweizer Markt, wodurch die Vielfalt und der Wettbewerb an Dienstleistungen steigen.19
Literatur
1 Frei (2021)
2 D’Andrea et al. (2024)
3 Frei (2021)
4 Anthamatten & Dümmler (2019)
5 Maurer & Wettenstein (2019)
6 Fischer et al. (2022)
7 About Switzerland (2024)
8 BAK Economics (2024)
9 Fischer (2025)
10 Fischer et al. (2025)
11 SECO (2025f)
12 SECO (2025d)
13 Busch & Schluep Campo (2013)
14 Felbermayr et al. (2023)
15 SECO (2025e)
16 WBF (2024)
17 Holger (2018)
18 Felbermayr et al. (2023)
19 SECO (2022b)