Schriftenreihe Aussenhandel

Betriebe beweisen im Aussenhandel Anpassungsfähigkeit

Lieferkettenstörungen und Protektionismus erhöhen Druck. Ostschweizer Firmen diversifizieren, lagern mehr ein, passen Verträge an und bleiben zuversichtlich.

15. April 2026

Der Aussenhandel fühlt sich für viele Betriebe heute an wie ein Parcours: Währungsschocks, Lieferkettenbrüche, Energiepreise, Krieg – und dazu ein immer härterer Ton aus Washington. Die spannende Frage ist nicht, ob das Spuren hinterlässt, sondern wie Ostschweizer Unternehmen darauf reagieren. Welche Stellschrauben drehen sie in Beschaffung, Lager und Verträgen – und welche Märkte rücken neu ins Blickfeld? Eine Mitgliederumfrage aus dem August 2025 zeigt: Der Druck steigt, aber die Zuversicht ebenso.

Frankenschock, Covid-Pandemie mit Lieferkettenfriktionen, Energiekrise, Ukrainekrieg und US-Zölle: Unternehmen schauen auf turbulente Jahre zurück, insbesondere jene, die auf internationale Märkte ausgerichtet sind. Wie reagieren die Betriebe in der Ostschweiz auf die handels- und geopolitischen Verwerfungen? Wie passen sie ihre Wertschöpfungsketten an? Welche Märkte gewinnen an Bedeutung?

Die IHK St.Gallen-Appenzell und die IHK Thurgau haben diese Fragen in einer gemeinsamen Unternehmensumfrage adressiert. Sechs von zehn Unternehmen bestätigen, dass internationale Geschäftsbeziehungen in den vergangenen fünf Jahren schwieriger oder umständlicher geworden seien. Betrachtet man nur jene Betriebe, die auch tatsächlich international tätig sind – also mit Lieferanten, Kunden, Investoren, Tochtergesellschaften oder Partnern im Ausland verbunden sind –, steigt dieser Anteil auf 70 %.

Für die mittel- bis langfristige Zukunft als besonders herausfordernd bewerten die befragten Unternehmen die internationalen Spannungen, die derzeit von der US-Handelspolitik ausgehen. Die Wachstums- und Wettbewerbsprobleme in Deutschland sowie das unklare Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU werden von jeweils mehr als einem Drittel der Unternehmen zu den Top-3-Herausforderungen gezählt.

28 % der Unternehmen sehen sich mit Cyberrisiken und Gefahren für den Schutz von Geschäftsgeheimnissen konfrontiert. Je rund ein Fünftel nennt zudem die politische (In-)Stabilität innerhalb der EU, allgemein zunehmende Handelshemmnisse sowie die demografische Alterung als zentrale Herausforderungen.

«Aussenhandel ist komplizierter als vor zehn Jahren – das kann ich nur bestätigen. Die Rahmenbedingungen ändern sich laufend und teils über Nacht: Währungen schwanken, Gesetze verschärfen sich, ganze Märkte schliessen plötzlich.»

Diese Anpassungsfähigkeit zeigt sich konkret in der Umgestaltung der eigenen Wertschöpfungsketten. 40 % der Unternehmen haben in den vergangenen fünf Jahren ihre Zulieferer diversifiziert. Je rund ein Drittel erhöhte seine Lagerbestände oder passte Verträge mit Lieferanten und Kunden an.

Nur wenige Betriebe haben bisher ihre Aktivitäten in die Schweiz zurückverlagert. Entsprechend stellt sich die Frage nach den zukünftigen Investitionen am Standort Schweiz. Etwa ein Fünftel der Unternehmen berichtet, die Investitionstätigkeit aufgrund handelspolitischer Entwicklungen in den kommenden drei bis fünf Jahren verringern zu wollen. 58 % der Betriebe planen, ihre Investitionen unverändert fortzuführen. Acht Prozent verschieben oder verlagern geplante Projekte. Nur jedes zwanzigste Unternehmen beabsichtigt, seine Investitionen auszuweiten.

Ein Drittel der Befragten erwartet, dass die Schweiz als Absatzmarkt an Bedeutung gewinnt, während nur drei Prozent einen Bedeutungsverlust sehen. Demgegenüber dürften die Vereinigten Staaten aufgrund ihrer Zollpolitik an Relevanz als Absatzmarkt verlieren. Für alle weiteren Märkte überwiegen die Wachstumschancen. Allen voran Europa und Indien – mit dem die Schweiz seit anfangs Oktober ein Freihandelsabkommen unterhält – dürften an Bedeutung gewinnen.

Folglich beurteilen 86 % der Unternehmen die bilateralen Verträge mit der EU insgesamt als wichtig. Der zollfreie Warenverkehr, der Abbau technischer Handelshemmnisse sowie der Zugang zu Fachkräften werden von den Unternehmen als die drei bedeutendsten Aspekte der Beziehungen mit der EU genannt. Auch Freihandelsabkommen mit Ländern ausserhalb der EU beurteilen die Mehrheit der Unternehmen als wichtig, wenn auch mit geringerer Zustimmung.

IHK-Unternehmensumfrage zum strategischen Umgang mit Handelsrisiken

An der Umfrage beteiligten sich zwischen dem 15. und 25. August 2025 insgesamt 209 Unternehmen aus der ganzen Ostschweiz, von denen 182 internationale Geschäftsbeziehungen unterhalten (Lieferanten, Kunden, Zweigniederlassungen / Tochtergesellschaften, Investoren oder Kooperationen).