Schriftenreihe Arbeitsmigration
Ausländische Arbeitskräfte unverzichtbar für Ostschweizer Unternehmen
Der Grossteil der Zuwanderung erfolgt in den Arbeitsmarkt. Auch in der Ostschweiz sind ausländische Arbeitskräfte aus den Unternehmen nicht wegzudenken.

08. Juli 2025
Der Grossteil der Zuwanderung erfolgt in den Arbeitsmarkt. Auch in der Ostschweiz sind ausländische Arbeitskräfte aus den Unternehmen nicht wegzudenken. In welchen Bereichen kommen sie hauptsächlich zum Einsatz? Wie wird sich der Bedarf mittelfristig entwickeln? Welche Form der Zuwanderungsregulierung wünschen sich die Ostschweizer Unternehmen?
Die IHK St.Gallen-Appenzell und die IHK Thurgau haben diese Fragen in einer gemeinsamen Mitgliederumfrage adressiert. Die Mehrheit der befragten Unternehmen zeigte sich dabei überzeugt: Ausländische Arbeitskräfte tragen zum Wohlstand in der Schweiz und zur Minderung des Arbeits- und Fachkräftemangels bei (Abbildung 1).
Die hohe Zustimmung ist breit abgestützt. Sie zeigt sich über alle Branchen ohne wesentliche Unterschiede. Grössere Unternehmen erkennen in der Tendenz eher einen positiven Beitrag ausländischer Arbeitskräfte. Insgesamt hat aber auch die Unternehmensgrösse keinen wesentlichen Einfluss auf die Zustimmungsrate.
Auch auf das eigene Unternehmen bezogen sehen die Umfrageteilnehmer ausländische Arbeitskräfte als wichtige Stütze zur Deckung des Fachkräftebedarfs. Demnach sind ausländische Arbeitskräfte vor allem als Spezialisten mit spezifischen Fähigkeiten sowie im mittleren und unteren Management gefragt (Abbildung 2).
Repetitive Arbeiten werden ebenfalls typischerweise von ausländischen Arbeitskräften ausgeführt. Rund die Hälfte der befragten Unternehmen stimmt dieser Aussage zu, im verarbeitenden Gewerbe liegt der Anteil deutlich höher. In der Industrie übernehmen ausländische Arbeitskräfte zudem überdurchschnittlich oft Einsätze zu unattraktiven Arbeitszeiten: Rund 40 % der Industrieunternehmen stimmen dieser Aussage zu. Über alle Branchen betrachtet liegt der Anteil bei rund 36 %.
Ich bin überzeugt, dass die Bauwirtschaft ohne ausländische Arbeitskräfte nicht funktionieren könnte. Während höhere Positionen meist von gut ausgebildeten Einheimischen besetzt sind, sind ausländische Arbeitskräfte unerlässlich, um aus Plänen Bauwerke zu schaffen.

Weniger oft genannt werden körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten. Eine Ausnahme bildet das Baugewerbe, wo knapp zwei Drittel der Unternehmen bestätigen, dass ausländische Arbeitskräfte wichtig für körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten sind. Dass ausländische Arbeitskräfte für tiefere Löhne arbeiten, Positionen im obersten Management besetzen oder (ausländische) Märkte erschliessen, damit stimmen Unternehmen am wenigsten überein.

Gefragt nach den primären Einsatzbereichen respektive Jobs von ausländischen Arbeitskräften, fällt das Wort «Produktion» mit Abstand am häufigsten (Abbildung 3). Auch weitere Bereiche mit körperlichen Arbeiten wie Montage, Logistik oder Bau wurden von den befragten Unternehmen häufig genannt. Weniger oft fiel der Begriff «Pflege», auch wenn der Anteil ausländischer Arbeitskräfte in diesem Bereich nachweislich gross ist. Dies dürfte vor allem mit der Branchenstruktur der befragten IHK-Mitglieder zusammenhängen.
Dieser Artikel entstand im Rahmen einer umfassenden Analyse der Arbeitsmigration in die Schweiz. Die gesamte Analyse, detaillierte Resultate unserer Mitgliederumfrage und die umfassende Position der IHK St.Gallen-Appenzell finden sie in unserer Schriftenreihe:
Die Position der IHK St.Gallen-Appenzell im Thema Arbeitsmigration
Die Personenfreizügigkeit mit der EU aufrechterhalten
Ohne ausländische Arbeitskräfte geht es nicht. Heute nicht und schon gar nicht in der Zukunft. Die Personenfreizügigkeit mit der EU stellt dabei eine unbürokratische, arbeitsmarktorientierte Zuwanderung sicher. Das ist ein entscheidender Vorteil für die Ostschweizer Wirtschaft (vgl. Grafik): Wer über die Personenfreizügigkeit in die Schweiz kommt, braucht hier eine Stelle oder ausreichend Mittel, um sich selbst zu finanzieren.
Den inländischen Arbeitsmarkt stärken
Die Schweiz ist als Arbeitsland attraktiv. Das soll auch so bleiben. Arbeitskräfte werden rar, nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa. Umso wichtiger werden eine hohe Arbeitsmarktbeteiligung und eine produktive Wirtschaft. Dafür muss sich Arbeit lohnen – hohe Pensen dürfen kein steuerlicher Nachteil sein. Flexible Arbeitsmodelle, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine bessere Integration von älteren Personen in den Arbeitsmarkt können diesen zusätzlich stärken.
Die gesellschaftlichen Herausforderungen angehen – rasch und gezielt
Knapper Wohnraum und überlastete Verkehrsinfrastruktur sind grosse Herausforderungen unserer Zeit. Die Zuwanderung verschärft solche Herausforderungen, sie ist aber nicht deren einziger Treiber. Deshalb kann eine Einschränkung der Zuwanderung auch nicht die einzige Lösung sein. Stattdessen braucht es eine breite Palette an Massnahmen, um Wohnraum und Mobilität fit für die Zukunft zu machen.
Die Bedeutung ausländischer Arbeitskräfte dürfte dabei in den Ostschweizer Unternehmen in den kommenden Jahren tendenziell zunehmen. Rund ein Drittel der Umfrageteilnehmer geht davon aus, dass der Anteil an ausländischen Arbeitskräften im eigenen Unternehmen in den nächsten fünf bis zehn Jahren steigen wird (Abbildung 4). Eine Reduktion erwarten demgegenüber lediglich 5 von 284 Unternehmen. Insbesondere das Baugewerbe geht von einem steigenden Bedarf aus.
Die meisten Unternehmen sehen in einer vereinfachten arbeitsmarktorientierten Zuwanderung denn auch das grösste Potenzial, um den Arbeitskräftemangel im eigenen Unternehmen zu beheben (Abbildung 5). Besonders im Bau und der Dienstleistung gehen die Unternehmen von einem positiven Effekt dieser Massnahme aus.
Im Zuge dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie die Zuwanderung reguliert werden soll. Die Hälfte der Ostschweizer Unternehmen sieht keinen Anpassungsbedarf in der Zuwanderungsregulierung. Knapp ein Fünftel wünscht sich weniger Regulierung, jedes vierte Unternehmen würde die Regulierung verstärken. Ein grösserer bürokratischer Aufwand bei der Einstellung ausländischer Arbeitskräfte würde sich denn auch bei der Hälfte der Unternehmen voraussichtlich negativ auf den Unternehmenserfolg auswirken. In der Industrie und im Bau liegt dieser Anteil erwartungsgemäss etwas höher.
Für unser Unternehmen in der Grenzregion ist der freie Zugang zu ausländischen Arbeitskräften sehr wichtig – nicht nur für Spezialistenfunktionen, sondern auch für das breite Spektrum an Fachkräften.

Der Status quo mit Personenfreizügigkeit mit den EU/EFTA-Staaten und Kontingenten gegenüber Drittstaaten ist denn auch das einzige Steuerungsmodell, das von den Ostschweizer Unternehmen als tauglich eingeschätzt wird.
Allgemein sehen die Unternehmen in den bilateralen Verträgen mit der EU, innerhalb welcher das Personenfreizügigkeitsabkommen integraler Bestandteil ist, eine grosse Bedeutung. 62 % erachten das Vertragswerk als wichtig bis sehr wichtig, weitere 30,8 % als eher wichtig (Abbildung 6). Das bedeutet umgekehrt: Nur gerade 7,2 % beurteilen die Bilateralen als eher unwichtig bis unwichtig resp. sehen gar keine Betroffenheit.
«Jede Einschränkung würde unsere Rekrutierungsmöglichkeiten potenziell erschweren, mehr Bürokratie verursachen und die Unsicherheit erhöhen.»
Claude Stadler,
Corporate Projects, SFS Group Schweiz AG
IHK-Unternehmensumfrage «Migration und ihre Bedeutung für Ostschweizer Unternehmen»
Rund 300 Unternehmen aus der ganzen Ostschweiz haben zwischen dem 27. März und dem 9. April 2024 daran teilgenommen. Die zitierten Aussagen stammen aus semistrukturierten Interviews, die im Frühjahr 2024 mit Vertretern verschiedener Branchen geführt wurden.