Schriftenreihe Aussenhandel
Mit wem handelt die Ostschweiz?
Die EU ist klar die grösste Handelspartnerin. Distanz und Marktgrösse steuern Ströme, Diversifikation bleibt schwierig.

27. Mai 2026
Warum zieht es einen so grossen Teil der Exporte ausgerechnet nach Deutschland, und weshalb bleiben neue Wachstumsregionen trotz Boom oft Nebenrolle? Hinter den Zahlen steckt ein simples Prinzip aus der Physik, das Handelsströme fast schon vorhersagt. Wer das versteht, erkennt auch, wo Chancen liegen – und wo Abhängigkeiten gefährlich werden.
Mit Abstand wichtigster Wirtschaftspartner der Kernregion Ostschweiz (SG, AR, AI und TG) ist die Europäische Union: Rund 60% aller Ostschweizer Warenexporte und 76% der Warenimporte entfallen auf den EU-Raum. Damit ist der Ostschweizer Aussenhandel überdurchschnittlich stark auf die EU ausgerichtet. Zum Vergleich: Schweizweit gehen 51% der Exporte in die EU, 71% der Importe stammen aus der EU.1 Besonders enge Verbindungen bestehen zu Deutschland, das allein rund ein Drittel aller Ostschweizer Exporte abnimmt.
Die USA und China sind die wichtigsten aussereuropäischen Handelspartner der Ostschweiz. Zusammen entfallen auf sie über 20% der Ostschweizer Warenexporte und rund 11 % der Warenimporte.


Gravitationsmodell des Handels: Warum gerade diese Partner?
Die Handelsbeziehungsnetze der Ostschweiz lassen sich einerseits mit der industriell geprägten Wirtschaftsstruktur, andererseits durch das Gravitationsmodell erklären. Dieses aus der Aussenwirtschaftstheorie stammende Modell basiert auf einem einfachen, physikalisch inspirierten Prinzip: Das Handelsvolumen zwischen zwei Ländern steigt mit der wirtschaftlichen «Masse» (gemessen am BIP beider Länder) und sinkt mit der geografischen Distanz. Die empirischen Daten bestätigen diese Theorie: Nebst der Grösse einer Volkswirtschaft (USA, China) bestimmt die geografische Nähe (Deutschland, Österreich, Frankreich) das Handelsvolumen.2
Laut dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten findet ein Drittel des gesamtschweizerischen Handels mit der EU mit Grenzregionen wie Baden-Württemberg in Deutschland oder dem Vorarlberg in Österreich statt. Diese allein haben als Absatzmarkt eine ähnlich hohe Bedeutung wie China. Der Handel der Schweiz mit allen Grenzregionen übersteigt sogar den Handelswert mit den USA.3 Diese enge, nachbarschaftliche Handelsbeziehung spart Kosten, erleichtert Logistik und verdeutlicht die Bedeutung eng verflochtener Wertschöpfungsketten – etwa wenn Vorprodukte mehrfach die Grenze überqueren.4 Schweizweit hängen schätzungsweise über 45’000 Arbeitsplätze direkt an diesen grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten.5

Dynamische Märkte und stabile Handelsmuster
Das dynamische Gravitationsmodell zeigt ferner: Geografische Nähe und Marktgrösse bestimmen nicht nur das Handelsvolumen, sondern auch das Wirtschaftswachstum. Länder mit hohem BIP-Wachstum – etwa Indien, Vietnam oder Nigeria – dürften langfristig an Bedeutung gewinnen, selbst wenn sie heute noch sekundäre, aber wachstumsstarke Absatzmärkte sind.6 Für die Ostschweiz bedeutet das: Künftige Diversifikationsstrategien könnten stärker auf wachstumsstarke, weiter entfernte Regionen ausgerichtet werden.
Diversifikationsindikatoren zeigen aber, dass sich die Handelspartner der Ostschweiz seit 2016 kaum verändert haben – die Konzentrationsindizes der Export- und Importländer blieben über die letzten 8 Jahre weitgehend stabil.
Im Zeitraum 2016 bis 2024 verharrten die Exportanteile in die stark wachsenden ASEAN-Staaten7 bei rund 3%. Indienexporte sind nach dem pandemiebedingten Einbruch 2020 wieder auf das frühere Niveau von 1,3% gestiegen. Die Exporte in die Mercosur-Staaten legten zuletzt leicht zu, bleiben mit einem Anteil von unter 1% am Gesamtexport aber gesamtwirtschaftlich unbedeutend.8 Das einzige nennenswerte Handelswachstum verzeichnete die Ostschweiz mit einigen osteuropäischen Märkten – insbesondere mit Rumänien, Polen und Kroatien.
Konjunkturelles Total vs. Gesamttotal
In der Schweiz gibt es zwei wesentliche Grössen, wie der Aussenhandel – also Exporte und Importe – gemessen wird: das konjunkturelle Total und das Gesamttotal.
- Das Gesamttotal umfasst alle Exporte und Importe. Bei internationalen Vergleichen wird vorzugsweise das Gesamttotal verwendet.9
- Für die konjunkturelle Analyse wird das konjunkturelle Total verwendet, das Edelmetalle, Edelsteine, Kunst und Antiquitäten ausschliesst.10 Vor allem Gold macht in der Schweiz einen grossen Teil des Handels aus (2024: rund 28% 11), hat aber geringe wirtschaftliche Bedeutung, da nur wenige Firmen und Arbeitsplätze betroffen sind. Zudem führen starke Goldpreisschwankungen in Krisenzeiten zu Verzerrungen der Aussenwirtschaftsdaten.12
Sofern nicht anders vermerkt, basieren die Zahlen in der vorliegenden Publikation auf dem konjunkturellen Total.
Die aufstrebenden Volkswirtschaften
Bis 2050 verschieben sich die Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft. Schwellenländer dürften laut Prognosen die G7 in ihrer Wirtschaftskraft überholen. Bereits 2040 könnte ihr gemeinsames, kaufkraftbereinigtes BIP doppelt so hoch sein wie jenes der G7.13 Während der Anteil Europas und Nordamerikas am globalen BIP sinkt, wachsen China und Indien stark – getragen durch Demografie, Urbanisierung und technologische Aufholprozesse.14 Die USA sind heute nach nominalem BIP die grösste Volkswirtschaft, China liegt gemessen in Kaufkraft aber bereits voraus.15/16 2035 dürfte China auch nominal an den USA vorbeiziehen, Indien könnte ab 2040 zur drittgrössten Volkswirtschaft aufsteigen15. Andere Schwellenländer wie Vietnam, Nigeria und die Philippinen rücken ebenfalls auf – getrieben durch die Bevölkerungsdynamik und Infrastrukturinvestitionen.14 Die Wachstumsrisiken der aufstrebenden Volkswirtschaften bestehen in geopolitische Spannungen, Klimafolgen und institutionellen Schwächen, vor allem in autoritär geführten Staaten.15

Die gesamte Analyse, detaillierte Resultate unserer Mitgliederumfrage und die umfassende Position der IHK St.Gallen-Appenzell finden sie in unserer Schriftenreihe:
Die Position der IHK: Stark bleiben in einer unsicheren Welt – durch klare Regeln, offene Märkte und verlässliche Partnerschaften
Die Schweiz ist zu klein für Machtspiele und doch zu wichtig, um auf dem Nebenschauplatz zu stehen.
Ihre Bedeutung beruht nicht auf Grösse, sondern auf Verlässlichkeit, Spezialisierung und Innovationskraft. In einer Welt wachsender Unsicherheit behauptet sie sich durch klare, berechenbare Regeln und marktwirtschaftliche Ordnung. Investitionen in Bildung, Forschung, Infrastruktur und Digitalisierung fördern Anpassungsfähigkeit und stärken das Vertrauen in den Standort.
Die Schweiz setzt auf Rahmenbedingungen statt Industriepolitik.
Bilaterale Beziehungen zur EU weiterentwickeln – Stillstand gefährdet Export, Innovation und Arbeitsplätze. Die EU ist für die Ostschweiz der bedeutendste Markt im Ausland. Reibungsloser Handel mit Nachbarländern hält Lieferketten stabil und stärkt die Produktion vor Ort. Bleiben Aktualisierungen der Abkommen aus, entstehen für die regionale Industrie schrittweise Hürden. Eine moderne Partnerschaft mit der EU bewahrt unseren Zugang zum EU-Binnenmarkt und sichert Innovationskraft, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Ostschweiz.
Freihandel und Diversifikation eröffnen Chancen weltweit – zu grosse Abhängigkeiten machen verwundbar.
Die Ostschweiz kann in Wachstumsregionen neue Kundinnen und Kunden gewinnen, wenn moderne Freihandelsabkommen den Zugang erleichtern und Kosten senken. Gleichzeitig stärkt jede Erweiterung des Marktes die Unabhängigkeit: Wer mehrere Absatz- und Beschaffungswege hat, reagiert besser auf Krisen und geopolitische Konflikte. Diversifizierter Handel erhöht die Widerstandskraft unserer regionalen Wirtschaft.
1 BAZG (2025b)
2 Legge at al. (2024)
3 EDA (2025b)
4 Wagner (2024); Wegmüller & Schmidiger (2022)
5 BAK Economics (2029)
6 Legge at al. (2024)
7 Brunei, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam
8 BAZG (2025b)
9 BAZG (2025c)
10 BAZG (2025c)
11 BAZG (2025d)
12 Rentsch (2025)
13 PwC (2017)
14 Bloomberg Economics (2020)
15 Forbes (2025)
16 IMF (2025)