Nachhaltigkeitsberichterstattung
Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen – ein Leitfaden
Schritt für Schritt zur strategischen Verankerung.

27. August 2025, Marco Gehrig
In vielen Klein- und Mittelunternehmen ist die Nachhaltigkeit oft schon in den Strategien Bestandteil. Der EcoOst Standpunkt «Zwischen Verantwortung, Strategie und Regulierungswut» hat gezeigt, dass viele Ostschweizer Unternehmen die Nachhaltigkeit als ein zukunftsrelevantes Thema verstehen. Sie handeln aus unternehmerischer Verantwortung und möchten einen Beitrag hierzu leisten, unabhängig von regulatorischen Bestimmungen. Die hier vier vorgeschlagenen Schritte dienen als Orientierung, wie in diesem Kontext ein Unter-nehmen der Nachhaltigkeit wirksam begegnen kann. Hierbei werden Nachhaltigkeitsstandards bewusst noch ignoriert, da sie andere Verfahrensschritte aufweisen.
Es ist aber auch wichtig, die rechtlichen Bestimmungen zu verstehen, um ihnen gerecht zu werden. Rechtlich besteht eine Pflicht (OR 964a) in der Schweiz, sich mit der Nachhaltigkeit zu beschäftigen und im Unternehmensalltag zu implementieren, sofern ein Unternehmen mehr als 500 Vollzeitangestellte und eine höhere Bilanzsumme oder Erträge von 20 Mio. CHF bzw. 40 Mio. CHF aufweist.
Unabhängig von der rechtlichen Verpflichtung ist es in der Praxis gleichbedeutend von Relevanz, wenn die Kunden oder die Lieferanten selbst gesetzlich der Nachhaltigkeit verpflichtet sind oder auf freiwilliger Basis ihre Strategie auf Nachhaltigkeit angepasst haben. Im Endresultat bedeutet es, dass Nachhaltigkeit ein wesentliches Thema ist in der Unternehmenspraxis.
Unabhängig von Unternehmensgrösse und Branche lassen sich vier Schritte identifizieren, um der Thematik der Nachhaltigkeit strukturiert und wirksam zu begegnen:
Abbildung 1: In vier Schritten zur unternehmerischen Nachhaltigkeit (eigene Darstellung)
1. Schritt
Marktanalyse: Nachhaltigkeit aus Kundensicht verstehen
Zentral muss verstanden werden, was die Gesellschaft und primär die Kunden für Anforderungen an die Nachhaltigkeit stellen. Wie der EcoOst Standpunkt zeigt, orientieren sich viele Unternehmen nach dem 3-Säulen-Konzept der Nachhaltigkeit. Hierbei ist bei den Kundinnen und Kunden zwischen B2C und B2B zu differenzieren.
Sinnvoll ist, dass die Kundenerwartungen und -erfordernisse nach verschiedenen Marktsegmenten (Kundensegmenten) nach dem 3-Säulen-Prinzip ermittelt werden.
Abbildung 2: Kundenerwartungen und -erfordernisse für die Nachhaltigkeit nach Marktsegmenten (eigene Darstellung)
B2C-Kunden verfolgen Interessen über die ökologische Perspektive. Ein Unternehmen sollte prüfen, wie stark ihr eigenes Geschäftsmodell von der Nachhaltigkeit betroffen ist. Zu den ökologischen Themen zählen unter anderem folgende Aspekte:
- CO-2-Austausch
- Energieverbrauch und -mix
- Reduktion von Abfall
- Reduktion von Materialausschuss
- Stärkung des Kreislaufes
Bei B2B-Kunden ist primär zu verstehen, wie die Kunden selbst von der Nachhaltigkeit betroffen sind und wie ihre eigene Nachhaltigkeitsstrategie definiert ist. Wenn die B2B-Kunden selbst regulatorischen Auflagen zu erfüllen haben, so ist primär zu verstehen, welche Anforderungen sie an ein Unternehmen stellen. Sofern ihre Strategie Nachhaltigkeit umfasst, sind es mehr die Anforderungen des Kunden selbst, die erfüllt werden müssen. Wie aus dem EcoOst Standpunkt hervorgeht, ist die Nachhaltigkeit ein Schüsselelement, um langfristige Kundenbeziehungen halten zu können.
Die Folge daraus sollte sein, dass die Marktsegmentierungen um die Aspekte der Nachhaltigkeit ergänzt werden sollten. Je besser ein Unternehmen detailliert die Kundenanforderungen in den Marktsegmenten versteht, desto wirksamer kann ein Unternehmen ihre eigene Positionierung zur Nachhaltigkeit festlegen.
2. Schritt
Unternehmensstrategie reflektieren
Für die Adaption der Unternehmensstrategie bedarf es einer breiteren Erfassung der Nachhaltigkeit. Die Marktanalyse bildet dabei eine wichtige Grundlage.
Zweckmässig ist die Adaption der Unternehmensstrategie, indem das 3-Säulen-Konzept verwendet wird. Zuerst sollte der Verwaltungsrat und die Geschäftsführung selbst festlegen, welche Bedeutung die Nachhaltigkeit für ein Unternehmen einnehmen soll und welche langfristige Perspektive sie einnehmen wird.
Die strategische Adaptation sollte daher wiederum ökologische, ökonomische und soziale Aspekte umfassen. Durch eine Ist-Analyse sollte geprüft und identifiziert werden, welche Aspekte ein Unternehmen bereits umsetzen.
Ausgangspunkt bildet die Markt- und eine darauffolgende Umfeldanalyse:
Abbildung 3: Erfassung der Nachhaltigkeit in der Unternehmensstrategie (eigene Darstellung)
Die strategische Ausrichtung kann drei Teilstrategien (oder Kombinationen daraus) für die Nachhaltigkeit sein:
- Compliance: Die Nachhaltigkeitsstrategie genügt sich selbst, um regulatorische und kundenspezifische Anforderungen zu erfüllen. In diesem Sinn erfüllt die
Strategie die spezifischen Kundenbedürfnisse. - Suffizienz: Diese Nachhaltigkeitsstrategie versucht, Produkte und Dienstleistungen mit einem geringeren Ressourceneinsatz zu generieren.
- Effektivität: Produkte und Dienstleistungen werden entwickelt unter Einsatz von erneuerbaren Ressourcen, um der Kreislaufwirtschaft gerecht zu werden.
3. Schritt
Wesentlichkeitsanalyse
Nachdem die Unternehmensstrategie in Bezug auf die Nachhaltigkeit analysiert ist und ein Verständnis für die Märkte besteht, sollte eine Wesentlichkeitsanalyse der Nachhaltigkeitsthemen (auf operativer Ebene) vollzogen werden.
Aufgrund von Nachhaltigkeitsstandards und der Lehre zur Nachhaltigkeit besteht die Empfehlung, dass ein Unternehmen eine doppelte Wesentlichkeitsanalyse vollziehen sollte. Sie besteht aus zwei Aspekten: finanzielle Auswirkung der Gesellschaft und Umwelt auf den finanziellen Erfolg eines Unternehmens (financial materiality, outside-in) und die Tätigkeit eines Unternehmens auf die Gesellschaft und Umwelt (impact materiality, inside-out).
Abbildung 4: Erfassung und Bewertung der finanziellen Materialität und Impact-Materialität (eigene Darstellung)
Die zahlreichen Nachhaltigkeitsthemen für soziale, ökologische und ökonomische Bereiche sollten aus diesen beiden Perspektiven bewertet und analysiert werden. Jene Nachhaltigkeitsthemen, die den finanziellen Erfolg eines Unternehmens und welche durch die Auswirkung des Unternehmens auf die Gesellschaft und Umwelt wesentlich beeinflussen, sollten als bedeutende Nachhaltigkeitsthemen qualifiziert werden. Beispielsweise ist der CO-2-Ausstoss für ein Bauunternehmen sicherlich finanziell und die Umwelt von wesentlicher Bedeutung, dass dies ein Nachhaltigkeitsthema darstellen kann bzw. wird.
Bei diesem Vorgehen stellt ein Unternehmen sicher, dass sie ihre begrenzten Ressourcen auf die bedeutenden Nachhaltigkeitsthemen richtet, so dass sie einen effektiven Beitrag zur Nachhaltigkeit erzielen kann.
Ein sinnvolles Instrument ist hierbei der Stakeholder-Dialog, Hierbei sollten regemässig die Nachhaltigkeitsanforderungen der Kunden und weiteren Anspruchsgruppen untersucht werden, was als wichtige Grundlage für die Einstufung dienen kann.
Hilfreich sind auch die im EcoOst Standpunkt festgestellten Nachhaltigkeitsthemen, die hierzu eingesetzt werden können (siehe Abbildung 10 – 12).
4. Schritt
Prozesse und Daten strukturieren
Wenn aus der Wesentlichkeitsanalyse die relevanten Nachhaltigkeitsthemen für soziale, ökologische und ökonomische Themen identifiziert werden, so kann in einem letzten Schritt geprüft werden, welche Prozesse und Daten vorhanden sind, um Nachhaltigkeit zweckmässig und zielorientiert umzusetzen. Die Nachhaltigkeitsziele sollten in der Strategiephase auch schon ermittelt worden sein.
Abbildung 4: Herleitung von Key Performance Indicators (eigene Darstellung)
Operativ können die in der Wesentlichkeitsanalyse identifizierten Nachhaltigkeitsthemen nur umgesetzt werden, sofern sie gemessen und analysiert werden können (Schlagwort: «What’s get mesasured, get’s done»). Hierzu sollte auch geprüft werden, ob die Daten vorhanden sind. Häufig wird die Problematik sein, dass die Daten nicht vorhanden sind. Hierzu müsste geprüft werden, wie diese Daten erarbeitet werden können.
Im EcoOst Standpunkt wird ersichtlich, welche Themen aus Sicht der befragten Unternehmen von hoher Relevanz sind. Neben den Studienerkenntnissen können auch auf zahlreiche Nachhaltigkeitsstandards zurückgegriffen werden. Ein wesentlicher Standard ist dabei die Global Reporting Initiative. Nachfolgend wird kurz an dem globalen Standard dargelegt, welche weitere Themen (für die Entwicklung eines KPI) hierzu herangezogen werden können.
- erzeugte wirtschaftliche Werte (Erlöse, bezahlte Löhne, Zahlungen an Kapitalgeber, Zahlungen an den Staat, Investitionen in Kommunen)
- finanzielle Folgen des Klimawandels für die Organisation
- Beiträge an Vorsorgepläne
- finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand
- Infrastrukturinvestitionen
- Anteil der Beschaffungen von lokalen Anbietern
- Schulung auf Antikorruption und Meldung von Korruptionsfällen
- Meldung von Rechtsverfahren von wettbewerbswidrigem Verhalten
- Höhe der bezahlten Steuern (Steuerkonzept)
- eingesetzte Materialen nach Volumen
- Anzahl recycelte und wiederverwerte Materialien
- Energieverbrauch und Angaben der Quellen intern und extern
- Verringerung des Energieverbrauchs
- Senkung des Energiebedarfs für Produkte und Dienstleistungen
- Angaben zur Wasserentnahme, -verwendung und -rückführung
- Auswirkungen auf die Biodiversität
- Anzahl renaturierte Flächen
- Gemietete und besitzende Flächen an Biodiversität
- THG-Emissionen
- Intensität und Senkung des CO-2
- Angaben zum Abfall und Strategie zur Reduktion des Abfalls
- Abfall aller Art und Entsorgungsmethoden
- Analyse von Lieferketten und Lieferantenbeurteilung
- Mitarbeiterstruktur und Angaben zu Fringe Benefits
- Managementsystem für Sicherheit am Arbeitsplatz und Gesundheitssicherung (Schulungen und Mitarbeiterinformation)
- Angaben zur Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden
- Angaben zur Lohngleichheit
- Angaben zu Diskriminierungsfällen
- Angaben zu Betriebsstätten und Lieferanten mit einem erhöhten Risiko für Kinderarbeit oder Zwangsarbeit
- Prüfung von Lieferanten auf soziale Kriterien
- Angaben zu Parteispenden
- Analyse der Auswirkung von Produkten und Dienstleistungen auf die Kundengesundheit
- Umgang mit Mitarbeiter- und Kundendaten
Neben den Daten müsste auch der Prozess definiert werden, wie diese Daten aufbereitet und gemessen werden sollen. Hierzu sollte ein Key Performance Indicator (KPI) definiert werden, wie die Nachhaltigkeitsthemen gesteuert werden können. Eine Hilfestellungbieten die zahlreichen KPI von der Global Reporting Initiative (GRI), die frei verfügbar sind und eine wichtige Orientierung sein können.
Sofern ein Unternehmen gegenüber Dritten oder Kunden einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen müssen, so bilden die Nachhaltigkeitsthemen und die KPI am Ende nur noch das Resultat, über welches am Ende Bericht erstattet werden kann. Sinnhafterweise und ressourcenorientiert sollte dies Teil des Lageberichts sein.
Über den Autor
Marco Gehrig ist Professor am Kompetenzzentrum für Accounting und Controlling an der OST – Ostschweizer Fachhochschule. Er lehrt und forscht auf den Gebieten des Rechnungswesens, der Rechnungslegung, der Corporate Finance und des Steuerrechts. Er hat an der Universität St.Gallen promoviert, ist Wirtschaftsprüfer und ist als Verwaltungsrat in der Praxis tätig.