Konjunkturanalysen
Gedämpfte Aussichten, erhöhte Abwärtsrisiken
Branchenbericht Industrie Q2 2026
18. Mai 2026
Die Geschäftslage der Ostschweizer Industrieunternehmen bleibt knapp befriedigend, aber angespannt. Betrachtet über einen längeren Zeitraum verharren die Einschätzungen der Unternehmen in der Region auf einem verhaltenen Niveau. Zuversichtlich stimmt, dass auf gesamtschweizerischer Ebene die Geschäftslage doch etwas positiver eingeschätzt wird als noch letztes Jahr. Zudem überschritt der Schweizer Einkaufsmanagerindex für die Industrie im März zum ersten Mal seit über drei Jahren die Wachstumsschwelle.
Bei den Geschäftslageerwartungen ist jedoch der Aufwärtstrend im März und April abgeflacht. Das internationale Umfeld und das Exportgeschäft bleiben herausfordernd. Kräftige Wachstumsimpulse fehlen.
Ausgehend von der Eskalation im Nahen Osten haben die Abwärtsrisiken für die Branche deutlich zugenommen. Der Irankrieg führte zum starken Anstieg der Öl- und Gaspreise sowie der Preise weiterer Rohstoffe. Die Situation könnte die Industrieunternehmen zunehmend belasten, sei es wegen erhöhter Energiepreise, Störungen der Lieferketten oder aufgrund von Verteuerungen bei Vorprodukten. Laut einer Umfrage des Branchenverbands Swissmem meldet jedes vierte Unternehmen der MEM-Branche «spürbare Störungen der Lieferkette» (NZZ am Sonntag, 25.04.2026). Dauer und Ausmass der Auswirkungen auf die Ostschweizer Industrie sind zurzeit noch schwer abzuschätzen. In negativen Szenarien mit anhaltenden Spannungen wäre die Industrie auch mit globaler Nachfrage- und Investitionsschwäche sowie einer Frankenaufwertung konfrontiert.
In den Unternehmensumfragen zeigen sich die ersten konkreten Auswirkungen des Irankriegs vor allem bei der Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Geschäftslage sowie bei den Erwartungen bezüglich der Einkaufs- und Verkaufspreise. Neun von zehn Industrieunternehmen in der Region St. Gallen-Appenzell finden es zurzeit schwer oder eher schwer, ihre Geschäftslage vorherzusagen. Über die Hälfte der Industrieunternehmen geht von steigenden Einkaufspreisen aus, fast ein Drittel erwartet auch Anstiege bei ihren Verkaufspreisen. Die Umfragen zeigen gegenüber Januar eine Verdreifachung (Einkaufspreise) bzw. eine Verdopplung (Verkaufspreise) der prozentualen Anteile jener Unternehmen, die von Preiserhöhungen ausgehen.
Die handelspolitische Unsicherheit bleibt erhöht. Der Entscheid des Obersten Gerichtshofs der USA betreffend die Aufhebung länderspezifischer Zölle im Februar mindert das Risiko weiterer Eskalationen. Die effektiven US-Zollsätze auf die meisten Industriegüter sind seit ihren Höchstständen im vierten Quartal 2025 gesunken, bleiben jedoch erhöht. Der Schweizer Franken erreicht zurzeit real und handelsgewichtet historische Höchstwerte und belastet die exportierenden Industrieunternehmen. Etwa jedes vierte Industrieunternehmen der Region berichtet von einer verschlechterten Wettbewerbsposition im internationalen Geschäft. Die Exporte sind in der Ostschweiz laut provisorischen Daten des BAZG bereits das dritte Jahr in Folge gesunken, während sie gesamtschweizerisch gestiegen sind.
Die Auslastung der Produktionskapazitäten in der Kernregion Ostschweiz ist weiterhin tief. Etwa sechs von zehn Unternehmen geben die ungenügende Nachfrage als wichtigstes Produktionshemmnis an. Im Jahres- und Quartalsvergleich ist dieser Anteil praktisch unverändert geblieben.
Jedes zweite Unternehmen in der Region berichtet auch von einem zu kleinen Auftragsbestand. Diese Einschätzung zieht sich durch sämtliche MEM-Subbranchen und betrifft auch den Bestand an Auslandsaufträgen. Eine Ausnahme bildet die Subbranche «Öl, Chemie, Pharma und Kunststoffprodukte», in der die Auftragsbestände nur von etwa jedem dritten Unternehmen als zu klein beurteilt werden. Insgesamt wird der Auftragsbestand jedoch in allen Subbranchen als zu klein eingeschätzt. Der wichtigste Handelspartner der Ostschweiz – Deutschland – liefert zurzeit kaum Wachstumsimpulse. Der ifo-Geschäftsklimaindex ist im März 2026, getrieben durch die Geschäftserwartungen, deutlich gefallen und liegt auf dem tiefsten Stand seit einem Jahr. Die industrielle Produktion in der Eurozone ist zu Jahresbeginn gegenüber dem Vorjahr leicht geschrumpft.
Die Vorlaufindikatoren für die regionale Industrie zeigen einen Einbruch des Optimismus, insbesondere bei den Erwartungen bezüglich der Weiterentwicklung der Exportaufträge und der Produktion. Im Januar erwartete noch fast jedes dritte Unternehmen eine Zunahme der Exportaufträge, mittlerweile ist es nur noch etwa jedes sechste. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der Unternehmen, die Produktionsrückgänge erwarten, um 6 Prozentpunkte auf 19 Prozent. Die Entwicklung der Industrie hängt vom weiteren Verlauf der geopolitischen Spannungen ab. Bei einem raschen Ende des Konflikts könnte sich die Lage stabilisieren, und Wachstumsimpulse könnten von der Weltwirtschaft ausgehen. Im umgekehrten Fall werden die Unternehmen unserer Region zunehmend mit Nachfrageschwäche und einer schlechter werdenden Wettbewerbsposition konfrontiert.