Nationale Politik
Hochwasserschutz ist Standortpolitik
Das Rheintal ist einer der produktivsten Wirtschaftsräume der Schweiz – doch bei einem Extremhochwasser stünde es still.

02. Juli 2025
Das Hochwasserschutzprojekt Rhesi ist eine lohnende Investition in Sicherheit und Standortqualität. Als im vergangenen Monat ein Bergsturz das Dorf Blatten im Lötschental zerstörte, war das mehr als eine Tragödie – es war auch eine Mahnung. Die Schäden dürften in die hunderte Millionen Franken gehen, die Zerstörung ist dauerhaft. Blatten steht exemplarisch für eine vermehrt auftretende Risikoklasse: punktuelle Extremereignisse, ausgelöst durch Gletscherrückgang, schmelzenden Permafrost und intensive Niederschläge.
Schon das Alpenhochwasser 2005, mit sechs Todesopfern und drei Milliarden Franken Schaden, zeigte: Solche Ereignisse sind nicht hypothetisch und kommen auch in unserer Region vor. Seither haben sich die klimabedingten Belastungen verschärft – in Häufigkeit, Intensität und geografischer Ausdehnung. Was Blatten im Kleinen demonstriert, droht im Grossen entlang ganzer Talräume. Besonders exponiert: das Rheintal, wirtschaftliches Rückgrat der Ostschweiz.
Rheintal: Rückgrat des regionalen Wohlstands
Im Rheintal werden jährlich Milliardenwerte geschaffen, exportiert und verarbeitet. Hochtechnologische Produktion trifft auf logistische Effizienz, flankiert von verlässlicher Infrastruktur. Und genau diese ist bedroht: Kommt es zum Extremhochwasser, wie es statistisch alle 300 Jahre zu erwarten ist, würden überlastete Dämme brechen – mit katastrophalen Folgen.
Amtliche Quellen schätzen das Direktschadenpotenzial eines solchen Szenarios auf über 10 Milliarden Franken. Dieser Wert berücksichtigt weder Produktionsausfälle noch Opportunitätskosten durch unterbrochene Lieferketten. Faktisch sprechen wir von einer Situation, welche die wirtschaftliche Funktionalität der Region für Monate oder gar Jahre lahmlegen könnte. In einer global vernetzten Ökonomie bedeutet dies Vertrauensverlust bei Partnern, Kapitalabfluss und Standortschwächung.
«Das Projekt Rhesi ist vielmehr eine ökonomische Notwendigkeit als ein reines Umweltschutzprojekt.»

Vor diesem Hintergrund ist das Projekt Rhesi (Rhein – Erholung und Sicherheit) vielmehr eine ökonomische Notwendigkeit als ein reines Umweltschutzprojekt. Die Kernidee: Durch technische Massnahmen – Verbreiterung des Flussbetts, Renaturierung, Entlastungsräume – wird die Abflusskapazität des Rheins von 3’100 auf 4’300 Kubikmeter pro Sekunde erhöht. So lässt sich ein Hochwasserereignis der statistisch erwartbaren Grösse bewältigen, ohne katastrophale Schäden zu riskieren.
Die Kosten für dieses Projekt betragen rund 2 Milliarden Franken über 27 Jahre, je hälftig durch die Schweiz und Österreich bezahlt. Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis zum möglichen Schaden, ergibt sich ein klares Bild: Das Risiko-Rendite-Verhältnis spricht mit aller Deutlichkeit für eine zügige Umsetzung.
Planungssicherheit und Standortattraktivität
Neben dem Schutz vor Naturgefahren schafft Rhesi Planungssicherheit für Unternehmen mit langfristigem Horizont. Wer investiert, kalkuliert auch systemische Risiken – und setzt auf Standorte mit verlässlicher Infrastruktur. Rhesi ist deshalb ein harter Standortfaktor, vergleichbar mit Strom- oder Glasfaserversorgung. Aus Sicht der Wirtschaft ist es ein Schlüsselprojekt für die Entwicklung der Region.
Mit der Unterzeichnung des Staatsvertrags zwischen der Schweiz und Österreich im vergangenen Jahr sowie dem Ja des St.Galler Kantonsrats zum Verfahrensgesetz im letzten Monat hat Rhesi zentrale Hürden genommen. Doch ein Projekt auf dem Papier reicht nicht – entscheidend ist die Umsetzung. Diese muss nun konsequent vorangetrieben werden.
Blatten zeigt: Naturgefahren sind zur wirtschaftlichen Variable geworden. Es geht nicht um alarmistische Ökologie, sondern um nüchterne Risikoökonomie. Das Rheintal ist zu wichtig, um auf Zeit zu spielen.
Dieser Artikel erschien am 27. Juni 2025 als Gastkommentar von IHK-Direktor Markus Bänziger im Wirtschaftregional.