Schriftenreihe Aussenhandel

Hat der Freihandel fertig?

Freihandel wankt: WTO schwächelt, Machtpolitik wächst. Ist die alte Welthandelsordnung am Ende?

1. April 2026

Freihandel war lange das Betriebssystem des Welthandels – leise im Hintergrund, aber entscheidend für unseren Wohlstand. Jetzt knirscht es im Getriebe: WTO, Zölle, Industriepolitik, Klimazölle – plötzlich zählt wieder Macht statt Regeln. Ist das nur eine Phase nach Krisen und Schocks, oder kippt das System gerade dauerhaft?

Von der Architektur, welche den Welthandel in den vergangenen Jahrzehnten prägte, profitierte kaum eine Volkswirtschaft so stark wie die Schweiz. Doch seit einiger Zeit ist diese Architektur unter Druck: Die WTO wirkt angezählt, stattdessen setzen die grossen Wirtschaftsmächte zunehmend auf die Bildung eigener Wirtschaftsräume, welche unabhängig von anderen Staaten agieren sollen. Politische Ziele wie Souveränität, Sicherheit oder Massnahmen gegen den Klimawandel verdrängen die Maximierung des Wohlstands – jenes Ziel, das für Jahrzehnte die aussenwirtschaftspolitische Agenda der meisten Länder prägte.

Die Gründe dafür sind vielfältig, doch die Konsequenz bleibt dieselbe: Für exportorientierte Volkswirtschaften wie die Schweiz verschärft sich die Unsicherheit und erhöht sich die Abhängigkeit von machtpolitischen Konstellationen. Hat der Freihandel also fertig1, oder beobachten wir nur eine Delle in der Entwicklung?

Von Hyperglobalisierung zu «Slowbalisation»

Zwischen Mitte der 1980er-Jahre und der globalen Finanzkrise 2008 nahm die weltweite wirtschaftliche Verflechtung in historischem Ausmass zu. Handelshemmnisse wurden gesenkt, China und andere Schwellenländer öffneten ihre Märkte, Kapitalflüsse wurden liberalisiert. In dieser Phase der «Hyperglobalisierung» stieg der Anteil von Exporten und Importen am Welt-BIP von 32 auf 61%.2 In dieser Zeit wuchs der Welthandel mit durchschnittlich rund 6% pro Jahr fast doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft mit etwa 3%.3

Die globale Finanzkrise markierte jedoch einen Bruch. Seither stagniert die Handelsquote bei rund 60% . Mehrfach wurde der Handel durch Schocks zurückgeworfen, etwa durch den Rohstoffpreisverfall 2015/16, die eskalierenden Handelskonflikte 2019 oder die Covid-19-Pandemie 2020.4 2023 ging das weltweite Warenhandelsvolumen laut WTO um 1,2% zurück, vor allem wegen hoher Inflation, schwacher Nachfrage in Europa und geopolitischer Spannungen. Ungewöhnlich ist, dass der Handel sank, obwohl die Weltwirtschaft weiter wuchs.5

Die Forschung spricht von «Slowbalisation»: Die Globalisierung verliert an Dynamik, kehrt sich aber nicht um. Während der Güterhandel stagniert, nehmen der internationale Dienstleistungsverkehr, digitale Transaktionen und der Wissensaustausch weiter zu.6 Stand heute lässt sich also sagen: Die Globalisierung hat noch nicht ausgedient, ist aber ins Stocken geraten.

Der Aufstieg Chinas als Werkbank der Welt – und seine Folgen

Nicht nur hat sich die Globalisierung in den vergangenen Jahrzehnten verlangsamt – sie hat sich auch verlagert. China hat sich in nur zwei Jahrzehnten zur weltweit führenden Produktionsmacht entwickelt und erzeugt rund 30% der weltweiten Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe, vor 20 Jahren waren es noch weniger als 10%.7 Gleichzeitig wuchs Chinas Anteil am globalen BIP seit der Jahrtausendwende um durchschnittlich 5,6% pro Jahr und damit doppelt so schnell wie in anderen Weltregionen. Mit diesem ökonomischen Gewicht wuchs auch das politische Selbstverständnis Beijings: Über Initiativen wie «One Belt, One Road» positioniert sich China als geopolitischer Akteur und stellt zugleich das von den USA geprägte Ordnungssystem in Frage.8/9

Dieser Aufstieg geht einher mit einem relativen Bedeutungsverlust Europas und der USA. Im Westen hat dies die Globalisierungsskepsis verstärkt: Populistische Bewegungen von links bis rechts treffen sich in ihrer Kritik über Identitätsverlust, Migration oder unfairen Wettbewerb im Misstrauen gegenüber offenen Märkten.10 Dahinter steht ein Paradigmenwechsel: Während der liberale Multilateralismus auf kollektive Wohlfahrtsgewinne setzte, dominiert heute zunehmend eine Nullsummenlogik, in der relative Machtgewinne wichtiger erscheinen als gemeinsamer Nutzen.11/12

Sicherheitsexperten sprechen von einer «geoökonomischen Fragmentierung», in der Handels- und Finanzströme bewusst als politische Waffen eingesetzt werden.13 China und die USA – aber auch Akteure wie Russland – nutzen diese Dynamik, um die internationale Ordnung zu ihren Gunsten umzuformen. Damit wird die liberale Prägung des Welthandelssystems geschwächt. Die Rivalität zwischen den Grossmächten bildet heute den Kern der geoökonomischen Spannungen und erhöht das Risiko neuer Blockbildungen.14/15/16

Handelspolitik wird Machtpolitik

Seit einigen Jahren setzen die grossen Wirtschaftsmächte verstärkt industriepolitische Programme ein – häufig mit geopolitischem oder sicherheitspolitischem Hintergrund. In den USA stehen dafür die unter Präsident Trump eingeführten Zölle sowie die Grossprogramme der Biden-Administration wie der CHIPS and Science Act und der Inflation Reduction Act.18 Auch China verfolgt mit der Strategie der Dual Circulation und umfassenden Subventionen das Ziel technologischer Autarkie.19/20 In der EU wiederum dient der Green Deal Industrial Plan der Absicherung von Schlüsselindustrien und der Verringerung externer Abhängigkeiten.21/22/23 Der Welthandel formatiert sich damit zunehmend entlang geopolitischer Einflusszonen neu. Laut WTO bestanden 2024 Importrestriktionen im Umfang von rund 2942 Milliarden US-Dollar – nahezu 12% des globalen Warenimports.24 Allein 2023 wurden über 2500 neue Eingriffe wie Subventionen, Importbarrieren, Exportrestriktionen oder Pflichten zur lokalen Wertschöpfung registriert. Mehr als 70% waren wettbewerbsverzerrend und wirkten sich auf Warenströme aus, die zusammen rund 22 Prozent des gesamten weltweiten Warenhandels ausmachten. Besonders aktiv waren die drei grossen Wirtschaftsmächte – China, die EU und die USA.25

CBAM – Protektionismus gegen den Klimawandel

Nicht nur sicherheitspolitische Gründe begründen das Comeback des Protektionismus. Die EU hat 2023 den CO₂-Grenzausgleich (CBAM) eingeführt, um Wettbewerbsnachteile europäischer Produzenten mit hohen Klimakosten zu vermeiden. Importierte Güter wie Stahl, Aluminium, Zement oder Dünger sollen künftig denselben CO₂-Kosten unterliegen wie in der EU produzierte Waren. Seit 2023 gilt eine Übergangsphase mit Berichtspflichten, ab 2026 werden Zertifikate fällig, die sich am Preis von EU-Emissionsrechten orientieren. Für die Schweiz entfällt durch die Verknüpfung des CH-Emissionshandelssystems (EHS) mit dem EU-EHS eine direkte Abgabenpflicht. Ein eigenständiger Schweizer CBAM würde dagegen Kosten erhöhen und erheblichen administrativen Aufwand erzeugen. Zudem birgt das Instrument handelspolitische Risiken: Da es von den WTO-Grundprinzipien abweicht, könnten Streitverfahren oder Gegenmassnahmen erfolgen.26 Aus ökonomischer Perspektive wäre ein globales, WTO-konformes CO₂-Preissystem zielführender und effizienter.

Lieferketten werden wieder Politisch

Lieferketten werden wieder politisch und geraten zunehmend in den Fokus der Geopolitik. Blockbildung, neue Handelshemmnisse sowie Krisen wie Pandemie, Ukrainekrieg und Angriffe auf Handelsrouten haben die Anfälligkeit globaler Just-in-TimeModelle offengelegt.27 Staaten und Unternehmen diskutieren daher verstärkt Alternativen zum klassischen Offshoring28 :

  • Reshoring: Rückverlagerung der Produktion ins Heimatland.
  • Nearshoring: Verlagerung in geografisch nahe Länder.
  • Friendshoring: Aufbau von Lieferketten in politisch und wirtschaftlich verbündeten Staaten, auch ohne räumliche Nähe.

Die empirische Evidenz zeigt jedoch klare Grenzen. Breites Reshoring findet kaum statt; Rückverlagerungen konzentrieren sich auf strategische Sektoren wie Halbleiter, Batterien oder Pharmazeutika und werden meist durch staatliche Förderprogramme gestützt.29/30 Laut einer EZB-Umfrage planen zwar rund 70% grosser europäischer Unternehmen eine stärkere Orientierung an nahegelegenen oder verbündeten Staaten.31 In der Praxis dominieren aber Diversifizierungsstrategien – also die Ergänzung bestehender Zuliefernetzwerke durch neue Partner, ohne vollständige Relokalisierung.32

Handelsdaten bestätigen diesen Befund: Die durchschnittliche Distanz im Güterhandel stagniert oder steigt leicht, was gegen eine umfassende Regionalisierung spricht.33 Markantere Veränderungen zeigen sich indes bei Direktinvestitionen. Westliche Unternehmen verlagern Kapital zunehmend an politisch befreundete Standorte, wobei sich die Wahrscheinlichkeit solcher Investitionen seit 2018 mehr als verdoppelt hat.34 Unternehmen gewichten geopolitische Risiken heute systematisch stärker in Standortentscheidungen – ein Hinweis auf eine längerfristige Verschiebung. Die Hemmnisse bleiben jedoch erheblich. Hohe Kosten, der Verlust von Skaleneffekten und begrenzte Kapazitäten alternativer Standorte verhindern eine rasche Umstellung.35 Bestehende Liefernetzwerke und langfristige Verträge erschweren zusätzlich die Umstrukturierung von Lieferketten, sodass Unternehmen oft bei etablierten Zulieferern verbleiben.36

«Die Welt geht eher auseinander als aufeinander zu. Wir sehen neue Machtzentren in Asien, im Mittleren Osten und in den USA, während die westliche Welt und vor allem Europa sich mit sich selbst beschäftigt. Trotzdem existieren Handelsströme weiter – sie sind der Kitt, der die Weltwirtschaft zusammenhält.»

Die gesamte Analyse, detaillierte Resultate unserer Mitgliederumfrage und die umfassende Position der IHK St.Gallen-Appenzell finden sie in unserer Schriftenreihe:

Die Position der IHK: Stark bleiben in einer unsicheren Welt – durch klare Regeln, offene Märkte und verlässliche Partnerschaften

Die Schweiz ist zu klein für Machtspiele und doch zu wichtig, um auf dem Nebenschauplatz zu stehen.

Ihre Bedeutung beruht nicht auf Grösse, sondern auf Verlässlichkeit, Spezialisierung und Innovationskraft. In einer Welt wachsender Unsicherheit behauptet sie sich durch klare, berechenbare Regeln und marktwirtschaftliche Ordnung. Investitionen in Bildung, Forschung, Infrastruktur und Digitalisierung fördern Anpassungsfähigkeit und stärken das Vertrauen in den Standort.

Die Schweiz setzt auf Rahmenbedingungen statt Industriepolitik.

Bilaterale Beziehungen zur EU weiterentwickeln – Stillstand gefährdet Export, Innovation und Arbeitsplätze. Die EU ist für die Ostschweiz der bedeutendste Markt im Ausland. Reibungsloser Handel mit Nachbarländern hält Lieferketten stabil und stärkt die Produktion vor Ort. Bleiben Aktualisierungen der Abkommen aus, entstehen für die regionale Industrie schrittweise Hürden. Eine moderne Partnerschaft mit der EU bewahrt unseren Zugang zum EU-Binnenmarkt und sichert Innovationskraft, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Ostschweiz.

Freihandel und Diversifikation eröffnen Chancen weltweit – zu grosse Abhängigkeiten machen verwundbar.

Die Ostschweiz kann in Wachstumsregionen neue Kundinnen und Kunden gewinnen, wenn moderne Freihandelsabkommen den Zugang erleichtern und Kosten senken. Gleichzeitig stärkt jede Erweiterung des Marktes die Unabhängigkeit: Wer mehrere Absatz- und Beschaffungswege hat, reagiert besser auf Krisen und geopolitische Konflikte. Diversifizierter Handel erhöht die Widerstandskraft unserer regionalen Wirtschaft.

Globale Handels(un)ordnung: WTO mit stumpferen Zähnen

Die Welthandelsorganisation hat seit ihrer Gründung einen historischen Liberalisierungsschub ermöglicht. Das durchschnittliche weltweite Zollniveau sank von rund 40% in den 1950er-Jahren auf knapp 4% im Jahr 2024 (vgl. Kapitel 3.1). Für die USA als treibende Kraft der WTO-Gründung war dieser Schritt eine strategische Investition: Man gewährte Zollvorteile und bekam dafür Institutionen, die geistiges Eigentum schützen, Rechtsdurchsetzung sichern und Schwellenländer in eine regelbasierte Ordnung einbinden sollten. Mit diesen Massnahmen erhofften sich die USA, den grössten Summanden in diesem «Positivsummenspiel» (sprich Freihandel) zu sichern. Nicht erst seit der zweiten Trump-Administration begann sich diese Sichtweise auf den Welthandel in den USA zu ändern.

Seit mehr als einem Jahrzehnt bleiben neue Öffnungsschritte aus. Stattdessen dominieren plurilaterale Abkommen und bilaterale Sonderregelungen. Sie entschärfen kurzfristig Konflikte, unterminieren aber langfristig das multilaterale Regelwerk.37/38 Trotz dieser Erosion bleibt die WTO die wichtigste Institution des regelbasierten Handels. Rund 72% des globalen Warenhandels erfolgen weiterhin nach dem Meistbegünstigungsprinzip (MFN).39 Selbst wenn die USA ihre Importpolitik dauerhaft ausserhalb des WTO-Regelwerks gestalten, würden immer noch 70% der Weltimporte nach dem MFN-Prinzip abgewickelt.40 Für kleine, exportorientierte Volkswirtschaften ist dies zentral: Nur so sind planbare Marktzugänge gewährleistet und Diskriminierungen durch Grossmächte begrenzt.

Das grösste Problem betrifft jedoch die Streitbeilegung. Seit 2019 ist der Appellate Body als Berufungsorgan blockiert. Die USA begannen schon unter der Obama-Regierung neue Ernennungen von Richtern zu verhindern.41 Zwar ermöglicht das Multi-Party Interim Appeal Arbitration Arrangement (MPIA), dem auch die Schweiz beigetreten ist, eine Zwischenlösung. Doch es bleibt ein Provisorium mit beschränkter Reichweite.42 Ohne eine Wiederbelebung der Streitbeilegung drohen mehr ungelöste Konflikte, wachsende Rechtsunsicherheit und ein Rückfall in machtbasierte Handelspolitik.43

Fazit: Der freie Handel ist zunehmend unter Druck

Der Freihandel hat also keineswegs fertig – doch er verändert sich grundlegend. An die Stelle einer rein ökonomisch motivierten Liberalisierung tritt eine stärker politisierte Form des Handels. Sicherheitsinteressen, strategische Autarkie und Klimaziele prägen die neue Aussenwirtschaftsordnung. Für die Schweiz bedeutet dies: Globalisierung bleibt dort bestehen, wo sie unkritisch für die nationale Sicherheit ist – etwa im digitalen Dienstleistungshandel oder bei Konsumgütern –, während strategische Bereiche wie Energie, Technologie und Rüstung zunehmend blockgebunden organisiert werden. Entscheidend wird sein, dass die Schweiz ihre Offenheit bewahrt, zugleich aber ihre aussenwirtschaftliche Resilienz stärkt und geopolitische Risiken systematisch in ihre Handelsstrategie einbezieht.

Decoupling – Modellannahme oder geopolitische Realität?

Ökonomische Modelle zeigen, dass selbst ein extremes «Cold War 2.0»-Szenario mit klarer Blockbildung für die Schweiz zwar erhebliche Kosten hätte, aber keinen Systemschock.44 Der reale Einkommensverlust beliefe sich auf rund –1%, mit erheblichen sektoralen Unterschieden: Präzisionsgeräte und Chemie dürften sich vergleichsweise robust zeigen, da ihre Absatzmärkte stärker westlich orientiert und technologisch komplementär sind, während Pharma und Maschinenbau aufgrund ihrer hohen globalen Verflechtung und Marktpräsenz in Asien anfälliger für Störungen wären. Die Szenarien verdeutlichen die relative Resilienz einer kleinen offenen Volkswirtschaft, solange Handelsumlenkungen und Substitutionsmöglichkeiten greifen.45 Demgegenüber betont Möckli (2025), dass geopolitische Fragmentierung kein theoretisches Planspiel sei, sondern bereits eine tektonische Verschiebung. Die Rivalität zwischen den USA und China, Russlands revisionistische Politik und die Herausbildung eines BRICS+-Blocks markieren die Rückkehr zur Blocklogik. Handels- und Finanzströme werden gezielt politisiert, Sicherheit dominiert Effizienz. Damit ergibt sich eine Spannung zwischen ökonomischen Fundamentaldaten und geopolitischen Dynamiken: Empirisch zeigt sich bislang nur eine partielle Umlenkung von Handels- und Investitionsströmen, aber strategisch wächst der Druck auf Unternehmen und Staaten, sich zu positionieren. Ob ein Decoupling zwischen China und den USA kommt, bleibt offen. Sollte es eintreten, wären die Kosten für offene Volkswirtschaften wie die Schweiz einschneidend – im Modell verkraftbar, geopolitisch jedoch beträchtlich, da verlässliche Rahmenbedingungen verlorengehen.46/47