Schriftenreihe Aussenhandel
Freihandel ist Wohlstandsmotor – und unter Druck
Freier Handel liegt einer freien Gesellschaft zugrunde. Der Freihandel gerät aber immer stärker unter Druck.

6. März 2026
Wir merken es kaum – und doch bestimmt es unseren Alltag: Warum Brot erschwinglich ist, Operationen möglich sind und Produkte aus aller Welt in den Regalen stehen. Der Freihandel hat unseren Wohlstand geprägt. Doch dieses System gerät ins Wanken.
Schon einmal aufgefallen, dass wir im Alltag «Danke» sagen, wenn wir bezahlen? Der Verkäufer dankt, weil er Geld verdient. Doch auch die Käuferin bedankt sich – obwohl sie Geld ausgegeben hat. Beide profitieren: der Bäcker vom Einkommen, die Käuferin vom Sonntagszopf. Es ist eine Folge von Spezialisierung und Handel: Der Bäcker hat das Brotbacken perfektioniert und skaliert, die Käuferin behandelt als Chirurgin komplizierte Knieverletzungen. Müsste die Ärztin ihren Zopf selbst backen und der Bäcker seinen Kreuzbandriss eigenständig operieren, wäre dies kaum ein effizienter Einsatz der jeweiligen Fähigkeiten und Ressourcen. Spezialisierung und Handel hingegen stellen beide Seiten besser.
Dieses Prinzip gilt auch zwischen Ländern. Handel bringt Produktevielfalt, macht Produkte günstiger und eröffnet Zugang zu Gütern, die man selbst nicht effizient herstellen kann. Jedes Land verfügt über bestimmte Stärken – Klima, Rohstoffe, Technologie oder Wissen – und kann dadurch einzelne Güter besonders wettbewerbsfähig produzieren.
Schon Adam Smith (1776) beschrieb den absoluten Kostenvorteil: Wer ein Gut mit weniger Aufwand herstellen kann, sollte sich darauf spezialisieren. David Ricardo ergänzte im 19. Jahrhundert, dass sich Handel selbst dann lohne, wenn ein Land in allen Bereichen weniger produktiv sei. Entscheidend sind die Opportunitätskosten: Jedes Land soll sich in Richtung jener Güter spezialisieren, deren Produktion im eigenen Land den geringsten Verzicht auf andere Möglichkeiten erfordert. So produziert Schweden Flugzeuge, während die Schweiz Maschinen herstellt – beide nutzen ihre Ressourcen dort, wo sie im Verhältnis am meisten bewirken.
Auf dieser Logik beruhte das Aufkommen des weltumspannenden Handels. Seit 1970 hat sich das Handelsvolumen preisbereinigt mehr als verzwölffacht – während sich die Weltbevölkerung im selben Zeitraum etwas mehr als verdoppelte. Möglich wurde dies unter anderem dank sinkenden Transportkosten, steigender Produktivität, digitaler Kommunikationstechnologie und dem Abbau von Zöllen.
Die gesamte Analyse, detaillierte Resultate unserer Mitgliederumfrage und die umfassende Position der IHK St.Gallen-Appenzell finden sie in unserer Schriftenreihe:
Die Position der IHK: Stark bleiben in einer unsicheren Welt – durch klare Regeln, offene Märkte und verlässliche Partnerschaften
Die Schweiz ist zu klein für Machtspiele und doch zu wichtig, um auf dem Nebenschauplatz zu stehen.
Ihre Bedeutung beruht nicht auf Grösse, sondern auf Verlässlichkeit, Spezialisierung und Innovationskraft. In einer Welt wachsender Unsicherheit behauptet sie sich durch klare, berechenbare Regeln und marktwirtschaftliche Ordnung. Investitionen in Bildung, Forschung, Infrastruktur und Digitalisierung fördern Anpassungsfähigkeit und stärken das Vertrauen in den Standort.
Die Schweiz setzt auf Rahmenbedingungen statt Industriepolitik.
Bilaterale Beziehungen zur EU weiterentwickeln – Stillstand gefährdet Export, Innovation und Arbeitsplätze. Die EU ist für die Ostschweiz der bedeutendste Markt im Ausland. Reibungsloser Handel mit Nachbarländern hält Lieferketten stabil und stärkt die Produktion vor Ort. Bleiben Aktualisierungen der Abkommen aus, entstehen für die regionale Industrie schrittweise Hürden. Eine moderne Partnerschaft mit der EU bewahrt unseren Zugang zum EU-Binnenmarkt und sichert Innovationskraft, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Ostschweiz.
Freihandel und Diversifikation eröffnen Chancen weltweit – zu grosse Abhängigkeiten machen verwundbar.
Die Ostschweiz kann in Wachstumsregionen neue Kundinnen und Kunden gewinnen, wenn moderne Freihandelsabkommen den Zugang erleichtern und Kosten senken. Gleichzeitig stärkt jede Erweiterung des Marktes die Unabhängigkeit: Wer mehrere Absatz- und Beschaffungswege hat, reagiert besser auf Krisen und geopolitische Konflikte. Diversifizierter Handel erhöht die Widerstandskraft unserer regionalen Wirtschaft.
Die Globalisierung flacht ab
Die Schweiz hat vom Freihandel und der Globalisierung so stark profitiert wie kaum ein anderes Land. Ihre Unternehmen können Fixkosten für Forschung und Entwicklung auf grössere Märkte verteilen, Skaleneffekte nutzen und Konsumenten Zugang zu einer breiten Produktpalette verschaffen. Heute gilt sie nach den Niederlanden als das meistglobalisierte Land der Welt.1
Doch der Trend ist gebrochen. War die Zeit zwischen Ende des Kalten Kriegs und Mitte der 2000er-Jahre von einem regelrechten Globalisierungsschub geprägt, flachte dieser in den vergangenen Jahren insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht ab. Seit der Finanzkrise wächst der Welthandel nicht mehr schneller als die Weltwirtschaft – Ökonomen sprechen von «Slowbalisation».2 Ein wesentlicher Grund: Protektionistische Massnahmen erleben ein Comeback. Die «America First»-Politik, chinesische Exportrestriktionen oder europäische Industriesubventionen stellen eine grundlegende Abkehr vom vormaligen Dogma «Wohlstand durch Handel» dar. Geopolitik, Industriepolitik und Sicherheit verdrängen zunehmend Effizienz als Leitprinzip.3
Die Welt steht im Umbruch
Die weltweite Abkehr vom Freihandel erhöht für die Schweiz als kleine, exportorientierte Volkswirtschaft die wirtschaftliche Verwundbarkeit – durch geopolitische Spannungen, protektionistische Tendenzen und unsichere Handelsregeln. Vor diesem Hintergrund lohnt sich der Blick zurück: Wie entstand die regelbasierte Handelsordnung, welche Rolle spielte die Schweiz und mit welchen Instrumenten sichert sie heute ihre Interessen? Diese historischen Weichenstellungen prägen die Aussenwirtschaftsstrukturen bis heute und sind entscheidend, wenn sich die Ostschweiz auf eine multipolare Welt einstellen muss.
Handel, Armut und Ungleichheit?
Der internationale Handel hat in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend zur Armutsreduktion beigetragen. Zwischen 1990 und 2024 sank die Zahl der Menschen in extremer Armut von rund 2,3 Milliarden auf etwa 830 Millionen – bei gleichzeitiger Zunahme der Weltbevölkerung von 5,3 auf 8,2 Milliarden Menschen.4 Internationale Handelsgewinne kommen vor allem den ärmsten Haushalten zugute. Konkret gewinnen die einkommensschwächsten 10% im Schnitt 63% an realem Einkommen. Bei den reichsten 10% liegt der Zuwachs nur bei 28%. Ärmere Haushalte geben einen grösseren Teil ihres Budgets für handelbare Güter wie Lebensmittel und Kleidung aus. Diese Produkte werden durch den globalen Handel deutlich günstiger. Wohlhabendere Haushalte hingegen konsumieren mehr Dienstleistungen – etwa im Bildungsoder Freizeitbereich –, deren Preise kaum vom Welthandel beeinflusst werden.5
Literatur
1 KOF (2024)
2 Felbermayr und Wolff (2023)
3 Möckli (2025)
4 Hasell et al. (2022)
5 Fajgelbaum und Khandelwal (2014)