Nationale Politik

Familienunternehmen – bis dass der Tod uns scheidet?

Die Juso-Initiative zielt auf deren Risikobereitschaft und Innovationsgeist – und damit auf das Erfolgsmodell Schweiz.

26. September 2025

Die Juso-Erbschaftssteuerinitiative gefährdet Nachfolgeregelungen und die Existenz von zahlreichen Unternehmen, wie eine IHK-Umfrage zeigt. Zudem hätte eine Annahme der Initiative weitreichende indirekte Konsequenzen: Auftragsausfälle, eine geringere Investitionstätigkeit sowie einen Verlust von Steuersubstrat im Umfang von schätzungsweise über 2 Milliarden Franken pro Jahr.

Am 30. November 2025 stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung über die Volksinitiative «Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert  (Initiative für eine Zukunft)» der Jungsozialistischen Partei (Juso) ab. Die Initiative fordert, Schenkungen und Nachlässe ab 50 Millionen Franken mit einer neuen, zusätzlichen Steuer von 50 Prozent zu belegen. Die Einnahmen sollen zu zwei Dritteln an den Bund und zu einem Drittel an die Kantone fliessen und zweckgebunden gegen den Klimawandel verwendet werden. Die Steuer soll vom Bund zusätzlich zu kantonalen und kommunalen Erbschafts- und Schenkungssteuern erhoben werden und bereits ab dem Tag einer allfälligen Annahme der Initiative gelten. Dadurch sind bereits vor der Abstimmung Steuervermeidungsreaktionen wahrscheinlich (Vorwirkung).

Breite Ablehnung

Eine IHK-Umfrage zeigt eine klare Ablehnung der Initiative unter den Ostschweizer Unternehmen. Nur gerade jeder 30. Umfrageteilnehmer würde der Initiative zustimmen. Demgegenüber lehnen 85 Prozent die Initiative ab. Knapp drei Viertel der Umfrageteilnehmenden befürchten, dass der Werkplatz Ostschweiz im Falle einer Annahme der Initiative nachhaltig Schaden nehmen würde (vgl. Abbildung).

Unternehmensexistenzen gefährdet

Bei den (potenziell) direktbetroffenen Umfrageteilnehmern ist ein Grossteil der Vermögen in den Unternehmen gebunden. Entsprechend gehen zwei Drittel von ihnen davon aus, dass eine Annahme der Initiative die familieninterne Nachfolge gefährden würde (vgl. Abbildung). Gut die Hälfte verfügt nicht über die notwendige Liquidität, um die Steuer zu begleichen. Alarmierend ist die Tatsache, dass knapp die Hälfte der betroffenen Umfrageteilnehmenden die Existenz des eigenen Unternehmens als gefährdet erachtet.

Grosse indirekte Betroffenheit

Die Anzahl Steuersubjekte, die von der Initiative direkt betroffen wäre, wird schweizweit auf 2’500 bis 2’900 geschätzt. Die Auswirkungen der Initiative würden sich jedoch keineswegs auf diesen Personenkreis beschränken. Von den Aufträgen der betroffenen Unternehmen profitieren unzählige KMU. Eine Annahme der Initiative hätte demnach Auftragsausfälle und eine geringere Investitionstätigkeit zur Folge. Der Standort Schweiz verliert an Attraktivität für Unternehmen, wenn das Risiko einer dereinstigen starken Besteuerung mitschwingt. Hinzu käme der Verlust von Steuersubstrat. Die Erbschaftssteuer würde bei den betroffenen Personen Steuervermeidungsreaktionen hervorrufen, insbesondere durch Wegzug. Diese Ausfälle wiegen weitaus schwerer als die zusätzlichen Einnahmen. Schätzungen zufolge resultieren Mindereinnahmen von rund 2 Milliarden Franken jährlich. Die IHK St.Gallen-Appenzell lehnt die Initiative aus all diesen Gründen entschieden ab.

Interview mit Stefan Scheiber über die Auswirkungen der JUSO-Initiative

«Die Initiative setzt auf den falschen Hebel und stellt einen Angriff auf den Standort Schweiz dar.»

Stefan Scheiber, warum lehnt Bühler die Juso-Initiative ab?

Wir wollen Fortschritt beim Klimaschutz – aber nicht indem die Substanz produktiver Familienunternehmen zerstört wird. In vielen Produktionsbetrieben ist der Grossteil des Vermögens nicht frei verfügbar, sondern in Maschinen, Hallen und Material gebunden. Bei einer Nachfolge müssten viele Unternehmen in Teilen oder vollständig verkauft werden. Das wäre schädlich für Arbeitsplätze, Ausbildung und Zulieferer in der Region. Die Initiative setzt auf den falschen Hebel und stellt einen Angriff auf den Standort Schweiz dar. Darum sagen wir klar Nein.

Die Initiative gibt aber vor, dass sie das Klima schützen will.

Das Ziel teilen wir – und arbeiten aktiv auf eine nachhaltige Zukunft hin. Wir investieren seit Jahren in Lösungen, die Emissionen senken – bei uns und bei unseren Kundinnen und Kunden. Beispielsweise helfen wir Betrieben, ihren Fussabdruck transparent zu machen und Prozesse so zu verbessern, dass Energie, Wasser und Abfall deutlich sinken. Davon haben unter anderen Kägi in Lichtensteig und die Hemelter Mühle in Deutschland profitiert. Solche Partnerschaften sparen CO2, erhöhen die Effizienz und stärken die Wettbewerbsfähigkeit – ohne dass der Staat faktisch Unternehmen enteignet.

Wie sollen wir stattdessen auf heutige Herausforderungen reagieren?

Erstens: Klare, messbare Klimaziele verfolgen – und zwar mit Innovation und Investitionen. Zweitens: Rahmenbedingungen schaffen, die Unternehmen befähigen: verlässlicher Zugang zu qualifizierten Fachkräften, genügend erneuerbare Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen und schlanke, verlässliche Regulierungen. Drittens: Das Potenzial neuer Technologien entlang ganzer Wertschöpfungsketten nutzen. Mit laufenden Innovationen nutzen wir Grundstoffe wie Weizen effizienter und verbrauchen mit unseren neusten Maschinen immer weniger Energie. Wir nutzen also Forschung und Entwicklung dazu, in allen Bereichen nachhaltiger zu werden. Das ist der Weg, auf dem wir als Familienunternehmen Wirkung entfalten – langfristig, verlässlich und im Interesse von Menschen, Region und Klima.

Interview: Patrick Louis

Zur Umfrage

In einer gemeinsamen Unternehmensumfrage haben die IHK St.Gallen-Appenzell, die IHK Thurgau und die regionalen Arbeitgebervereinigungen die Positionierung sowie die Betroffenheit in der Ostschweizer Wirtschaft abgefragt. Über 638 Ostschweizer Unternehmen haben mitgewirkt, wovon 39 direkt von der Initiative betroffen wären. Die ausführliche Analyse sowie die Umfrageresultate sind abrufbar unter:

Dieser Artikel wurde im Rahmen der Facts-Ausgabe 3/2025 publiziert.

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Andere Schätzungen sind pessimistischer und halten es für wahrscheinlich, dass KI Millionen Jobs verdrängt – gerade in den Büros. Muss man da nicht reagieren?

Die historische Erfahrung spricht dagegen. Jede grosse technologische Welle hat am Ende mehr Arbeitsplätze geschaffen als verschlungen. Ich halte es für gewagt, davon auszugehen, dass diesmal mit KI alles anders ist. Es wird je nach Bereich zu Jobverlusten kommen, das bestreite ich nicht. Aber die Anpassungen werden graduell, nicht schockartig erfolgen. Menschen, Unternehmen und Institutionen reagieren gewöhnlich langsam.