Aussenhandel
Entscheidend ist nicht die Nähe zu Metropolen
Exportstarke Unternehmen sichern das hohe Lohnniveau in der Ostschweiz – davon profitieren alle

12. Dezember 2025, Dr. Stefan Legge
Die Ostschweiz zählt zu den industriell stärksten Regionen der Schweiz. Unternehmen aus Maschinenbau, Medizintechnik, Textilindustrie, Metallverarbeitung und Chemie beliefern Märkte in Europa, Asien oder auch Nordamerika. Diese Exportorientierung prägt nicht nur die Wirtschaftsstruktur, sondern auch das Einkommensniveau.
Die Löhne in der Ostschweiz liegen deutlich über dem (im weltweiten Vergleich sehr hohen) Niveau der Nachbarländer Deutschland und Österreich. Ökonomisch lässt sich dieses Phänomen durch den sogenannten Balassa-Samuelson-Effekt erklären. Der Balassa-Samuelson-Effekt geht auf Arbeiten der Ökonomen Béla Balassa und Paul Samuelson zurück. Er beschreibt einen grundlegenden Mechanismus der Preis- und Lohnbildung in offenen Volkswirtschaften. In Sektoren, deren Produkte international handelbar sind, entsteht über den Wettbewerb ein Druck zu hoher Produktivität.
Hohe Produktivität als Treiber guter Löhne
Firmen, die auf Weltmärkten bestehen wollen, müssen effizienter produzieren und technologisch führend sein. Diese hohe Produktivität ermöglicht es ihnen wiederum, ihren Beschäftigten höhere Löhne zu zahlen, ohne an Wettbewerbsfähigkeit einzubüssen. Da sich Löhne innerhalb einer Volkswirtschaft oder Region jedoch langfristig angleichen, steigen auch die Einkommen in nicht handelbaren, lokal orientierten Sektoren – etwa im Baugewerbe, im Detailhandel oder in persönlichen Dienstleistungen. Das Resultat ist ein insgesamt höheres Lohn- und Preisniveau in Regionen mit hochproduktiven, exportorientierten Unternehmen.
«Ostschweizer Firmen wie jene in der Maschinen-, Präzisions- oder Medizintechnik erzielen mit ihrer hohen Wertschöpfung pro Beschäftigten Margen, die über dem nationalen Durchschnitt liegen.»

Auf die Ostschweiz übertragen, bedeutet das: Die international erfolgreichen Industriebetriebe der Region treiben das gesamte Lohngefüge nach oben. Firmen wie jene in der Maschinen-, Präzisions- oder Medizintechnik erzielen mit ihrer hohen Wertschöpfung pro Beschäftigten Margen, die über dem nationalen Durchschnitt liegen. Sie konkurrieren um hoch qualifizierte Fachkräfte, Ingenieure und Spezialisten, die auch von ausländischen Unternehmen umworben werden. Um dieses Personal anzuwerben oder zu halten, zahlen die exportorientierten Industrieunternehmen Löhne, die sich an internationalen Standards orientieren.
Die überdurchschnittlichen Löhne in den hochproduktiven Unternehmen strahlen auf die gesamte regionale Wirtschaft aus. Ein Elektroinstallateur, eine Verkäuferin oder ein Coiffeur profitieren indirekt, weil sich die Löhne zwischen Branchen und Betrieben langfristig annähern. Arbeitskräftemobilität und Lohndruck führen dazu, dass auch nicht exportierende Unternehmen höhere Gehälter bieten müssen, um Personal zu gewinnen oder zu halten.
«Entscheidend ist nicht die Nähe zu Metropolen, sondern die Dichte an hochproduktiven, exportfähigen Unternehmen.»
Dr. Stefan Legge
Vizedirektor und Head of Tax & Trade Policy am ILE-HSG
Entscheidend ist nicht die Nähe zu Grossstädten
Empirische Befunde bestätigen diese Zusammenhänge. Regionen mit hoher Exportintensität und starkem Industriesektor weisen in der Schweiz systematisch höhere Durchschnittslöhne auf. Die Ostschweiz steht exemplarisch für diesen Zusammenhang. Trotz ihrer peripheren Lage und geringer urbaner Dichte liegt das mittlere Lohnniveau kaum unter jenem von Zürich oder Basel. Entscheidend ist nicht die Nähe zu Metropolen, sondern die Dichte an hochproduktiven, exportfähigen Unternehmen. Diese bilden den wirtschaftlichen Kern, aus dem sich regionale Kaufkraft und Wohlstand speisen.
Der Mechanismus wirkt auch über den Arbeitsmarkt hinaus. Höhere Einkommen in der Exportwirtschaft führen zu stärkerer Nachfrage nach lokalen Dienstleistungen: Gastronomie, Bau, Bildung und Gesundheitswesen profitieren indirekt. Diese Sektoren selbst weisen im internationalen Vergleich keine aussergewöhnlich hohe Produktivität auf, doch sie passen sich dem gestiegenen Einkommensniveau an. Preissteigerungen bei nicht handelbaren Gütern – etwa Mieten oder lokalen Dienstleistungen – sind eine direkte Folge dieses Einkommensdrucks. Der Balassa-Samuelson-Effekt erklärt somit nicht nur das Lohnniveau, sondern auch die Preisstruktur produktiver Regionen. Dass der Coiffeur in der Ostschweiz mehr verdient und der Haarschnitt mehr kostet als beispielsweise in Rumänien, liegt nicht an der Qualität des Haarschnitts, sondern an der Präsenz der exportstarken Unternehmen in der Ostschweiz. Vereinfacht gesprochen, sind die Kunden im Coiffeursalon in St.Gallen zahlungskräftiger – eben aufgrund der lokal ansässigen Topunternehmen.
Fortschritt ist keine Option, sondern Pflicht
Ein weiterer positiver Aspekt betrifft die regionale Stabilität. Während andere periphere Regionen oft unter Abwanderung und stagnierenden Einkommen leiden, gelingt es der Ostschweiz, Fachkräfte zu halten und junge Talente auszubilden. Das liegt daran, dass ihre exportstarken Betriebe internationale Löhne zahlen und damit Perspektiven bieten, die mit jenen in urbanen Zentren vergleichbar sind. Die Ostschweiz kombiniert dadurch industrielle Stärke mit sozialer Kohäsion – ein Ergebnis ihrer produktivitätsgetriebenen Lohnstruktur.
«Investitionen in Forschung, Automatisierung und Weiterbildung sind keine Option, sondern Notwendigkeit.»
Dr. Stefan Legge
Vizedirektor und Head of Tax & Trade Policy am ILE-HSG
Zudem entfaltet der Balassa-Samuelson-Effekt eine disziplinierende Wirkung auf die Unternehmen selbst. Um ihre Lohnpolitik aufrechterhalten zu können, müssen sie ihre Produktivität stetig steigern. Investitionen in Forschung, Automatisierung und Weiterbildung sind daher keine Option, sondern Notwendigkeit. Diese Dynamik erklärt, weshalb viele mittelständische Industriebetriebe der Ostschweiz zu sogenannten Hidden Champions wurden – global führend in Marktnischen, aber fest in ihrer Region verwurzelt.
Langfristig hängt die Aufrechterhaltung des hohen Lohnniveaus direkt von der Wettbewerbsfähigkeit dieser exportorientierten Industrien ab. Sollten sie an Produktivität verlieren oder ihre Märkte schrumpfen, würde der Balassa-Samuelson-Effekt in umgekehrter Richtung wirken: Sinkende Produktivität in den handelbaren Sektoren würde sich mittelfristig in stagnierenden oder fallenden Löhnen auch der nicht handelbaren Bereiche niederschlagen. Damit wird klar, dass das Lohnniveau in der Ostschweiz kein Ergebnis administrativer Eingriffe oder lokaler Nachfrage ist, sondern Ausdruck der realwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ihrer Exportwirtschaft.
«Eine Region mit begrenzter Binnenmarktnachfrage und mässiger Urbanisierung erzielt hohe Einkommen, weil sie überproportional produktive, global vernetzte Unternehmen beherbergt.»
Dr. Stefan Legge
Vizedirektor und Head of Tax & Trade Policy am ILE-HSG
Kurzum, die Ostschweiz illustriert den Balassa-Samuelson-Effekt sehr gut: Eine Region mit begrenzter Binnenmarktnachfrage und mässiger Urbanisierung erzielt hohe Einkommen, weil sie überproportional produktive, global vernetzte Unternehmen beherbergt. Diese exportstarken Betriebe heben nicht nur ihre eigene Branche, sondern das gesamte regionale Lohngefüge. Ihre Produktivität ist die Quelle des Wohlstands in der Ostschweiz.








