Berufsbildung

Erfolgsmodell Berufsbildung steht vor neuen Herausforderungen

Marco Frauchiger, Rektor des BZWU im Interview.

6. März 2026, Patrick Louis

Marco Frauchiger leitet seit knapp 17 Jahren das Berufs- und Weiterbildungszentrum Wil-Uzwil (BZWU) und prägt damit eine der wichtigsten Berufsbildungsinstitutionen der Ostschweiz. In seiner Funktion beschäftigt er sich täglich mit der Frage, wie berufliche Aus- und Weiterbildung angesichts technologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen zukunftsfähig gestaltet werden kann. Sein Fokus liegt dabei auf praxisnahen Lernformen, Durchlässigkeit und der Stärkung der Berufsbildung als gleichwertigem Bildungsweg.

Marco Frauchiger, was fasziniert Sie persönlich an der Berufsbildung?

Unsere Berufsbildung ist weltweit einzigartig. Unternehmungen, Berufsverbände und der Staat teilen sich in enger Kooperation die Bildungsaufgabe und entwickeln junge Leute am Puls der Zeit, ressourcenschonend und bedarfsgerecht. Die Folge ist eine der tiefsten Arbeitslosenquoten weltweit und eine frühe gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe unserer Jugendlichen.

Muss die Berufsbildung attraktiver gemacht werden? Wenn ja, wie und von wem?

Die Berufsbildung ist eine verbundpartnerschaftliche Aufgabe zwischen Ausbildungsbetrieben, Verbänden und den Berufsfachschulen. Alle Partner sind laufend angehalten, ihren Beitrag zur Steigerung der Attraktivität zu leisten. Ausbildungsbetriebe, die auch den Lernenden viele verschiedene Möglichkeiten für die eigene Entwicklung bieten, sind hoch im Kurs. So wie es in vielen Unternehmungen selbstverständlich ist, dem ausgelernten Fachpersonal attraktive Arbeitsmodelle anzubieten, muss auch die junge Generation bedürfnisgerecht ausgebildet werden können. Der «Stift» als billige Arbeitskraft hat längst ausgedient. Leider ist das noch nicht in allen Branchen und Betrieben angekommen.

«Die Berufsbildung kann jedoch einen Beitrag leisten, dass wir weiterhin gut ausgebildetes Fachpersonal zur Verfügung haben und wenig Fehlallokationen hinnehmen müssen, wie das in anderen Ländern ohne starke Berufsbildung der Fall ist.»

Wie wichtig ist die Berufsbildung, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken?

Die Berufsbildung wird den Fachkräftemangel nicht lösen können, da die Überalterung unserer Gesellschaft in naher Zukunft ein grosses Problem darstellen wird. Die Berufsbildung kann jedoch einen Beitrag leisten, dass wir weiterhin gut ausgebildetes Fachpersonal zur Verfügung haben und wenig Fehlallokationen hinnehmen müssen, wie das in anderen Ländern ohne starke Berufsbildung der Fall ist. Um den Fachkräftemangel einzudämmen, sind andere Massnahmen von grosser Bedeutung. Die Erwerbsquote von Inländern müsste beispielsweise markant erhöht werden. Dem Teilzeitarbeitstrend müsste man mit attraktiven Arbeitsmodellen entgegenwirken können. Ich kann mir zudem vorstellen, dass die fortschreitende Digitalisierung und die rasante Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz dem Fachkräftemangel entgegenwirken werden.

Leidet die Schweiz unter einer Überakademisierung?

Nein, dies könnte man erst behaupten, wenn man bei akademisch ausgebildeten Bevölkerungsschichten eine Erhöhung der Arbeitslosenquote beobachten würde. Dies ist aber momentan nicht der Fall. Die emotional geführte Diskussion «Berufsbildung oder akademischer Weg» ist deshalb aus Arbeitsmarktsicht wenig relevant. Ich verstehe jedoch die Akteure in der Berufsbildung, die heute wesentlich stärker um passenden Nachwuchs kämpfen müssen als in früheren Zeiten. Der Kampf um die Talente aufgrund der geringen Anzahl Jugendlicher im Verhältnis zur älteren Generation ist der Hauptgrund für diesen «Verteilkampf».

«Unsere Berufsbildung muss sich markant vereinfachen.»

Marco Frauchiger,
Rektor Berufs- und Weiterbildungszentrum Wil-Uzwil (BZWU)

Werden die falschen Berufsbildungen absolviert? Zu viele in einem Bereich und zu wenige in anderen Bereichen?

Von richtig und falsch kann man nicht sprechen. Im Moment ist das Gesamtangebot an Lehrstellen wesentlich höher als die Nachfrage. Mehrere Faktoren sind für die Berufswahl entscheidend: die Interessen der jungen Generation, die Zukunftsaussichten des entsprechenden Berufsfeldes sowie die Attraktivität der Lehrstelle. Tatsächlich gibt es heute Berufsfelder, die aufgrund der geschilderten Ausgangslage mehr Probleme haben, Nachwuchs zu rekrutieren als andere.

Ist das Schweizer Bildungssystem und insbesondere die Berufsbildung für die Zukunft gewappnet? Kann schnell genug auf sich ändernde Kompetenzanforderungen reagiert werden?

Unser Berufsbildungssystem ist historisch gewachsen und enorm komplex aufgebaut. Über 250 Berufe werden an drei Lernorten (Lehrbetrieb, überbetriebliche Ausbildung, Berufsfachschule) ausgebildet. Bund, Kantone, Verbände und Betriebe müssen dieses mächtige Konstrukt am Laufen halten. Diese Organisationsstruktur wird dem rasanten Wandel nicht mehr gerecht. Ich vertrete die Meinung, dass sich unsere Berufsbildung markant vereinfachen muss. Die Reduktion von drei auf zwei Lernorte oder ein modularer Aufbau mit Basisausbildungen pro Berufsfeld (Industrie, Gesundheit, Lebensmittel usw.) wären Möglichkeiten, um agiler zu werden. Weil unser Berufsbildungssystem aber weltweit derart hohe Beachtung findet, laufen wir etwas Gefahr, die Dringlichkeit von Veränderungen zu verschlafen.

«Neue Technologien wie künstliche Intelligenz sind Gamechanger.»

Marco Frauchiger,
Rektor Berufs- und Weiterbildungszentrum Wil-Uzwil (BZWU)

Welche Zukunftsentwicklungen prägen die Berufslehre?

Viele Branchen verändern sich sehr schnell und disruptiv. Ebenfalls sehe ich neue Technologien wie künstliche Intelligenz als Gamechanger. Das Lernen und das Arbeiten während einer Berufslehre werden sich deutlich verändern. Bildungsmodelle, aber auch das ganze Berufsbildungssystem müssen auf den Prüfstand gestellt und angepasst werden. Die Berufsbildung muss lernen, mit schnellen Veränderungen umzugehen, ohne Werte und bewährte Tugenden zu verlieren. Die eher träge staatliche Steuerung sehe ich dabei als Hindernis.

Welche Rolle spielt die Kompetenzorientierung an Berufsfachschulen dabei?

Die Berufsbildung ist im Gegensatz zu vollschulischen Angeboten schon von jeher kompetenzorientiert aufgebaut. Am Ende der Lehre sind es Berufs- und Gesellschaftskompetenzen, die geprüft werden und für den Berufseinstieg relevant sind. Eher neu ist die Ausbildung entlang von Prozessen oder Wertschöpfungsketten anstelle von Fachunterricht. Ebenfalls werden Kompetenzen wie Kreativität, kritisches Denken und Handeln oder Projektorientierung und Teamarbeit immer wichtiger in unseren Bildungsmodellen.

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