Aussenhandel
Der Versuchung widerstehen
Der Welthandel steht an einem Wendepunkt.

12. Dezember 2025, Markus Bänziger
Der Welthandel steht an einem Wendepunkt. Über Jahrzehnte sorgte der weltweite Abbau von Handelshemmnissen für wachsende Märkte, höhere Produktivität und so für eine steigende Produktevielfalt zu tieferen Preisen. Das Wirtschaftswachstum hat den Wohlstand weltweit erhöht. Auch in der Schweiz. Zusehends aber zeigen sich Brüche: Der Austausch von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Wissen folgt nicht mehr ausschliesslich nach wirtschaftlichen Prinzipien, sondern zunehmend nach machtpolitischen Interessen. Gerade in dieser Ausgangslage muss die Schweiz der Versuchung widerstehen, mit schädlicher Industriepolitik auf Abschottung zu setzen.
Über lange Zeit galt die Logik der Spezialisierung und des offenen Marktes: Wer seine knappen Ressourcen dort einsetzte, wo er besonders effizient war, steigerte Produktivität und damit Wohlstand. Diese Gewissheit trägt nicht mehr. Politische Prioritäten überlagern die Kräfte globaler Märkte. Zölle, Subventionen und industriepolitische Programme drohen den Wettbewerb zu verdrängen. Wirtschaftliche Verflechtungen, die einst Stabilität versprachen, könnten zum Risiko werden. Schirmen andere Staaten ihre Märkte ab, gerät die regelbasierte Ordnung unter Druck. Der Freihandel wird zur geopolitischen Verhandlungsmasse. Sicherheitsfragen, technologische Kontrolle und strategische Abhängigkeiten bestimmen, wer mit wem zu welchen Regeln handelt. Die Handelspolitik verliert an Offenheit – und damit an Berechenbarkeit.
Die Schweiz zwischen Offenheit und Verletzlichkeit
Für die Schweiz ist diese Entwicklung eine Herausforderung. Kaum ein anderes Land ist wirtschaftlich so eng mit der Welt verflochten. Rund 40 Prozent der Wertschöpfung entstehen im Aussenhandel, die Mehrheit der Arbeitsplätze hängt direkt von Exporten ab. Diese Offenheit ist keine Schwäche, sondern Hauptstütze des Schweizer Erfolgsmodells. Doch sie macht anfällig für politische Verschiebungen im globalen Handelssystem.
Die Ostschweizer Wirtschaft steht wie kaum eine andere Region für das Veredelungsprinzip: Unternehmen importieren Rohstoffe, Komponenten und Teilprodukte, entwickeln daraus spezialisierte Hochpräzisionsgeräte, Maschinen und Systeme sowie Konsumgüter höchster Qualität – und verkaufen sie weltweit. Dieses Modell beruht auf Wissen, Leistungsfähigkeit, Innovationskraft und bestmöglichen Marktzugängen.
«Subventionen, Zölle und Strukturförderung untergraben auf Dauer, was die Schweiz stark macht.»

Keine Zukunft in Abschottung
Die Schweiz steht vor der Frage, wie sie in einer Welt auf dem Rückweg zu nationaler Isolation, gesellschaftlicher Spaltung und industriepolitischer Abschottung handeln soll. Die Versuchung, mitzumachen, ist gross: Subventionen, Zölle und Strukturförderung versprechen kurzfristige Sicherheit. Doch sie untergraben auf Dauer genau das, was kleine, offene Volkswirtschaften stark macht – Wettbewerb, Innovation und Berechenbarkeit. Abschottung ist für die Schweiz keine Option. Sie würde das Land isolieren und unterbräche den für die Veredelung nötigen Kreislauf. Der Versuchung, mit Milliardenprogrammen um Standortvorteile gegenüber anderen Ländern zu konkurrieren, muss die Schweiz widerstehen. Der Weg in die Zukunft führt nicht über industriepolitische Interventionen.
Die Welt aus Sicht der Ostschweizer Aussenwirtschaft
Je grösser ein Land dargestellt ist, desto mehr Handel betreibt es mit der Ostschweiz,
Warenhandel (Importe und Exporte), 2024

Verlässlichkeit als Standortvorteil
Die Schweiz verfügt nicht über Machtmittel, aber über Stärken, die in einer unruhigen Welt an Gewicht gewinnen: Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Erfolg entsteht dort, wo der Staat Regeln schafft und durchsetzt – nicht dort, wo er Märkte ersetzt. Vertragstreue und Berechenbarkeit werden in langfristigen Geschäftsbeziehungen an Bedeutung gewinnen.
Diesen Kurs gilt es mit gleichgesinnten Partnern zu pflegen. Die Schweiz muss ihre Handelsbeziehungen gezielt vertiefen – bilateral, multilateral und durch Freihandelsabkommen. Mit der Europäischen Union gilt es den bilateralen Weg zu sichern und weiterzuentwickeln, um Marktzugang und regulatorische Verlässlichkeit langfristig zu gewährleisten. Auf multilateraler Ebene bleibt die Stärkung der WTO vordringlich: Ein funktionierendes Regelwerk ist für kleine Volkswirtschaften die beste Versicherung gegen Willkür. Ergänzend soll die Schweiz ihre Freihandelsabkommen modernisieren und neue Partnerschaften schliessen. Ziel ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch: institutionell eingebettet, global präsent und eigenständig
handlungsfähig.
Bildung, Innovation und Offenheit als Fundament
Voraussetzungen dafür, dass Schweizer Unternehmen weltweit bestehen können, sind Bildung, Forschung, Innovation und eine offene Wettbewerbsordnung. Diese Stärken müssen gepflegt werden. Mit Rahmenbedingungen statt Subventionsprogrammen. Mit Stabilität statt Unberechenbarkeit. Mit Rechtsstaatlichkeit statt Willkür.
Offenheit ist mehr als ein ökonomisches Prinzip – sie ist zugleich wirtschaftliche und gesellschaftliche Haltung. Freihandel sichert Wahlfreiheit: Unternehmen entscheiden, was sie produzieren und anbieten; Konsumentinnen und Konsumenten, was sie kaufen. Produkte aus verschiedenen Regionen der Welt bereichern das Angebot, fördern Wettbewerb und Innovation. Offene Märkte ermöglichen, dass Ideen wachsen, neue Technologien entstehen und Menschen selbst bestimmen, wie sie wirtschaften und
leben wollen.
Der freie Handel ist damit Ausdruck einer freien Gesellschaft. Offenheit schafft Vielfalt und Wohlstand – sie ist keine Schwäche, sondern die Voraussetzung für Stärke: für die Schweiz, ihre Unternehmen und für die Ostschweiz, die seit jeher beweist, dass Unternehmertum und Weltverbundenheit zusammengehören.




