Berufsmeisterschaften

«Berufsorientierung darf nicht nur über Broschüren und Websites stattfinden»

Karin Bischoff über ihre Erfahrungen mit Berufsmeisterschaften und deren Bedeutung für die Berufsbildung.

25. September 2026, Fabian Pernstich

Karin Bischoff gewann 1997 als junge Bekleidungsgestalterin die WorldSkills in ihrer Heimat St.Gallen. Seither engagiert sie sich für die Berufsbildung und deren Meisterschaften. Heute führt sie eine eigene Schneiderei und wirkt im OK-Vorstand der SwissSkills 2029, die erstmals in St.Gallen stattfinden. Im Interview spricht sie über ihr Engagement und den Wert von Berufsmeisterschaften.

Karin, wie bist du in jungen Jahren erstmals zu den Berufsmeisterschaften gekommen? Gab es einen konkreten Auslöser?

Ich bin in meinem ersten Arbeitsjahr als junge Bekleidungsgestalterin auf die Berufsmeisterschaften aufmerksam geworden. Meine damalige Vorgesetzte, die bereits meine Ausbildnerin gewesen war, hat mich angesprochen und zur Teilnahme motiviert. Die nationale Selektion fand im Ausbildungszentrum unseres Berufsverbandes statt. Ich gewann diese Ausscheidung und qualifizierte mich damit für die internationalen Berufsmeisterschaften.

1997 hast du dann die WorldSkills gewonnen. Gibt es Erfahrungen aus dieser Zeit, die deinen beruflichen Alltag bis heute prägen?

Eine Berufsmeisterschaft zeigt einem bereits in jungen Jahren, was möglich ist, wenn Können, Disziplin und Durchhaltevermögen zusammenkommen. Man lernt, unter Zeitdruck konzentriert zu arbeiten, Entscheidungen zu treffen und trotzdem einen sehr hohen Qualitätsanspruch zu behalten.

Noch stärker geprägt hat mich vielleicht die Erkenntnis, dass man sich selber oft mehr zutrauen darf. Wenn man bereit ist, sich intensiv mit seinem Beruf auseinanderzusetzen, zusätzliche Zeit zu investieren und an seinen Schwächen zu arbeiten, kann man sehr viel erreichen. Diese Haltung begleitet mich bis heute – als Unternehmerin genauso wie in der Arbeit mit jungen Berufsleuten.

Die Berufsmeisterschaften gelten als Schaufenster der dualen Berufsbildung. Kommt diese Botschaft dort an, wo sie ankommen müsste?

Noch nicht überall genügend. Wir haben in der Schweiz eine Berufsbildung, um die uns viele Länder beneiden. Trotzdem erleben wir noch immer, dass die Berufslehre teilweise als zweite Wahl wahrgenommen wird. Dabei bietet sie jungen Menschen hervorragende Perspektiven und sehr viele Möglichkeiten für ihre weitere berufliche Entwicklung. Deshalb müssen wir neben den Jugendlichen insbesondere auch Eltern und Lehrpersonen erreichen. Berufsorientierung darf nicht nur über Broschüren und Websites stattfinden.

Genau deshalb sind die SwissSkills so wichtig. Dort muss man nicht erklären, wie vielfältig und anspruchsvoll unsere Berufe sind – man kann es sehen und erleben. Wenn Jugendliche jungen Berufsleuten zuschauen, die mit grossem Können, Präzision und Leidenschaft arbeiten, entsteht ein ganz anderes Bild von einem Beruf.

   

Karin Bischoff an den WorldSkills 1997 mit einer Teilnehmerin aus Thailand.

2029 finden die SwissSkills in St.Gallen statt. Was bedeutet das für die Ostschweizer Berufsbildung und für Menschen wie dich, die im Hintergrund arbeiten?

Dass ein solcher Anlass 2029 in St.Gallen stattfinden wird, gibt uns die Möglichkeit, zu zeigen, welche Qualität und welche Vielfalt in der Ostschweizer und der gesamten Schweizer Berufsbildung steckt. Mich persönlich motiviert die Vorstellung, dass Tausende Jugendliche nach St.Gallen kommen und Berufe entdecken, die sie vorher vielleicht gar nicht kannten. Wenn ein junger Mensch danach nach Hause fährt und sagt: «Diesen Beruf möchte ich kennenlernen», dann haben wir bereits sehr viel erreicht.

Deine Freiwilligenarbeit für die SwissSkills 2029 kostet vor allem Zeit. Was gibt dir das Engagement zurück?

Die Berufsbildung hat mir persönlich unglaublich viele Möglichkeiten eröffnet. Deshalb empfinde ich es auch als eine Verantwortung, etwas davon zurückzugeben. Mich begeistert es, zu sehen, was junge Menschen leisten können, wenn man ihnen eine Bühne gibt. Bei Berufsmeisterschaften erleben wir junge Berufsleute, die mit Stolz zeigen, was sie gelernt haben.

Was möchtest du einem Ostschweizer Unternehmen und einer lernenden Person mitgeben, die überlegen, ob sie sich beteiligen sollen?

Einem Unternehmen würde ich sagen: Betrachtet euer Engagement nicht einfach als Sponsoring eines einzelnen Anlasses, sondern als Investition in euren eigenen beruflichen Nachwuchs. Wir sprechen sehr viel über Fachkräftemangel. Die SwissSkills bieten Unternehmen eine einmalige Gelegenheit, jungen Menschen zu zeigen, welche Perspektiven ihre Berufe bieten, und gleichzeitig die Berufsbildung als Ganzes zu stärken.

Und einer lernenden Person würde ich sagen: Mach es! Vielleicht gewinnst du. Vielleicht auch nicht. Aber du wirst unglaublich viel lernen – über deinen Beruf und über dich selber. Als junge Berufsfrau konnte ich nicht abschätzen, welchen Einfluss meine Teilnahme an den Berufsmeisterschaften einmal auf mein Leben haben würde. Ich wollte mich damals zuerst einfach mit anderen messen und herausfinden, wo ich stehe.

Heute, fast 30 Jahre später, begleitet mich diese Erfahrung noch immer. Und vielleicht ist genau das das Besondere an solchen Wettbewerben: Man meldet sich für einen Wettkampf an – und weiss noch gar nicht, welche Türen sich dadurch öffnen werden.

Karin Bischoff

– Inhaberin und Geschäftsführerin Die Manufaktur GmbH
– Engagiert sich seit Jahren in der Förderung junger Berufstalente und in Berufsmeisterschaften
– Vorstandsmitglied Verein SwissSkills Ostschweiz (vgl S. 20)
– Gewann 1997 Gold an den WorldSkills in St.Gallen

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