Berufsbildung
Berufsbildung entscheidet – über Fachkräfte, Wachstum und Standort
In der Ostschweiz entscheiden sich mehr Jugendliche für eine Berufslehre als im Schweizer Durchschnitt.

6. März 2026, Markus Bänziger
Fast drei Viertel der Volksschulabgängerinnen und -abgänger in der Ostschweiz wählen den Weg in die Berufslehre. Die Berufsbildung geniesst in unserer Region eine hohe Attraktivität. Diese lässt sich erklären.
Die Ostschweizer Wirtschaft ist geprägt von familiengeführten kleinen und mittelgrossen Unternehmen. Die meisten dieser Unternehmen sind seit Generationen in der Region verankert, Unternehmerinnen und Kader stehen mitten in der Gesellschaft und geniessen damit ein hohes Vertrauen. Die Berufslehre ist historisch gewachsen und dadurch sichtbar, greifbar und gesellschaftlich anerkannt. Sie eröffnet Perspektiven in technischen Berufen ebenso wie im Gewerbe, im Handwerk, in Dienstleistungen und neuen Berufsbildern. Für Jugendliche bedeutet das: reale Vorbilder, klare Einstiegsmöglichkeiten und eine Ausbildung nahe an der Lebens- und Arbeitswelt. Zugleich erwerben Lernende früh Berufserfahrung und entwickeln eine hohe Arbeitsmarktfähigkeit, die ihnen auch in wirtschaftlich anspruchsvolleren Phasen Stabilität und Perspektiven bietet.
Dennoch steht die Berufsbildung unter wachsendem Druck. Vorab zeigt sich hier die Demografie: Die heutigen Schuljahrgänge sind deutlich kleiner als jene der 1980er- und 1990er-Jahre. Damit buhlen immer mehr Akteure um weniger Jugendliche – Lehrbetriebe ebenso wie Mittelschulen, später Fachhochschulen und Hochschulen, deren Angebote in den letzten Jahren stark ausgebaut wurden. Hinzu kommen vielfältigere Bildungswege, die jedoch Entscheide verzögern. Für die Betriebe in der Ostschweiz bedeutet dies: Die Nachfrage nach Lernenden trifft auf ein strukturell kleineres Angebot. Genau hier zeigt sich, dass Attraktivität allein nicht genügt – die Berufsbildung muss unter veränderten Rahmenbedingungen aktiv weiterentwickelt und gestärkt werden.
«Entlang der gesamten Wertschöpfungskette braucht es praxisnah ausgebildete Fachkräfte.»

Akademische Abschlüsse ersetzen nicht gelernte Fachkräfte
Diese Entwicklung ist für die Ostschweiz besonders kritisch, weil ihre Wertschöpfung auf dem engen Zusammenspiel von Industrie, Gewerbe, Handwerk und industrienahen Dienstleistungen beruht. Ob in Medtech, im Maschinenbau oder in gewerblichen und handwerklichen Berufen: Entlang der gesamten Wertschöpfungskette braucht es praxisnah ausgebildete Fachkräfte, die planen, umsetzen, warten und weiterentwickeln. Akademische Abschlüsse leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Sie ersetzen jedoch nicht jene Fachkräfte, die im Betrieb Qualität sichern, Anlagen und Prozesse beherrschen, Kunden betreuen und neue Lösungen in die Praxis überführen. Genau dieses Zusammenspiel von Wissen und Anwendung organisiert die Berufsbildung, indem sie Qualifikation früh mit realer Arbeit verbindet. Dass dieses Modell international auf grosses Interesse stösst – etwa in den USA, wo seit Jahren nach arbeitsmarktnahen Ausbildungswegen gesucht wird –, zeigt seine Bedeutung gerade für wirtschaftlich vielfältige und praxisorientierte Regionen wie die Ostschweiz.
«Der zunehmende Druck auf die Berufsbildung hat weniger mit der Qualität der Bildung an sich zu tun als mit einer veränderten wirtschaftlichen Realität.»
Markus Bänziger
Direktor, IHK St.Gallen-Appenzell
Der zunehmende Druck auf die Berufsbildung hat weniger mit der Qualität der Bildung an sich zu tun als mit einer veränderten wirtschaftlichen Realität. Vor dreissig Jahren konnten viele Betriebe ihre Ausbildung relativ stabil gestalten. Heute verändern sich Technologien schneller, Prozesse werden digitaler, vernetzter und anspruchsvoller. Wer heute eine Anlage installiert, arbeitet auch mit Software, Daten und Sicherheitssystemen. Kaufmännische Tätigkeiten sind enger mit digitalen Prozessen verbunden. Im Service steigen die Anforderungen an Problemlösung und Kommunikation. Die beruflichen Anforderungen sind insgesamt grösser geworden, und Betriebe müssen ihre Ausbildung häufiger und gezielter anpassen.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Berufsbildung in der Schweiz immer dann weiterentwickelt wurde, wenn wirtschaftliche Umbrüche ihre Funktionsfähigkeit infrage stellten. Um 1900 setzten Industrialisierung, neue Maschinen und wachsende Arbeitsteilung das damalige Ausbildungssystem unter Druck. Schon damals galt Ausbildung als wirtschaftliche Schlüsselfrage. Der Schweizerische Gewerbeverband hielt 1881 fest: «Eine bessere Bildung der Handwerker und Gewerbetreibenden ist für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und damit für die Wohlfahrt unseres Volkes von ausserordentlicher Wichtigkeit.»¹ Die Antwort auf diese Herausforderungen war nicht der Rückzug aus der Ausbildung, sondern ihre Neuordnung. Mit verbindlichen Lehrverhältnissen, klaren Ausbildungsinhalten, schulischer Ergänzung und der systematischen Einbindung der Wirtschaft entstand das duale System – und damit ein Modell, das Qualifikation konsequent mit realer Wertschöpfung verbindet.
«Die Berufsbildung ist und bleibt ein zentraler Erfolgsfaktor für den Wirtschaftsraum Ostschweiz.»
Markus Bänziger
Direktor, IHK St.Gallen-Appenzell
Heute stehen wir erneut vor einem Umbruch. Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz verändern Tätigkeiten, Prozesse und Berufsbilder spürbar. Entscheidend ist deshalb nicht, ob wir die Berufsbildung grundsätzlich schätzen, sondern dass wir sie so weiterentwickeln, dass sie unter diesen Bedingungen für Betriebe praktikabel bleibt und für Lernende attraktive Perspektiven eröffnet. Wie schon in früheren Umbruchphasen wird sich die Stärke des Systems daran messen, ob dieses weiterhin eng mit realer Arbeit verbunden ist – und damit die Grundlage für Wertschöpfung in einer sich wandelnden Wirtschaft sichert.
Was heisst das konkret?
1. Ausbildung muss zur betrieblichen Realität passen
Viele Unternehmen sind spezialisiert und können nicht alle Ausbildungsinhalte allein abdecken. Ausbildungsmodelle müssen deshalb Kooperationen erleichtern – etwa über Verbundlösungen, geteilte Ausbildungssequenzen oder eine sinnvolle Aufteilung zwischen Betrieb, Berufsfachschule und überbetrieblichen Kursen.
2. Aufstieg mit der Lehre muss sichtbar werden
Entscheidend ist, dass die Entwicklungsmöglichkeiten mit und aus der Berufslehre anhand konkreter Laufbahnen sichtbar werden: vom Lehrabschluss über Projektverantwortung bis hin zu Führungsfunktionen. Die IHK-Kampagne «Berufslehre bringt dich weiter» hat 2023 solche Wege bewusst ins Zentrum gestellt. Dort gilt es weiterhin anzusetzen.
3. Neue Technologien gehören integral in die Berufsausbildung
Digitalisierung, Automatisierung und der Umgang mit Daten prägen zunehmend auch gewerbliche und handwerkliche Tätigkeiten. Diese Kompetenzen müssen integraler Bestandteil der Ausbildung sein. Gerade das Zusammenspiel der Lernorte ist dabei eine zentrale Stärke des Systems.
4. Berufsbildung muss lebenslang verstanden werden
Der Fachkräftebedarf der kommenden Jahre lässt sich nicht allein über Erstausbildung decken. Nachqualifizierungen, modulare Abschlüsse, berufsbegleitende Weiterbildungen und der gezielte Einbezug von Quer- und Wiedereinsteigenden erschliessen zusätzliche Potenziale.
5. Die Berufsbildung braucht eine Bühne
Die Berufsbildung ist und bleibt ein zentraler Erfolgsfaktor für den Wirtschaftsraum Ostschweiz. Mit den SwissSkills 2029 in St.Gallen erhält sie eine nationale Bühne, um Spitzenleistungen sichtbar zu machen, Vorbilder zu schaffen und die Stärke der dualen Ausbildung erlebbar zu zeigen. Gleichzeitig muss der laufende Revisionsprozess der Berufsbildungsgesetzgebung im Kanton St.Gallen die Chance nutzen, die spezifischen Bedürfnisse einer industrie-, gewerbe- und KMU-geprägten Region gezielt aufzunehmen. Der Gesetzgebungsprozess im Kanton St.Gallen ist nun der Hebel, um die Berufsbildung ostschweizspezifisch zu stärken und zukunftsweisend neu auszurichten.




