Berufsmeisterschaften
«Bei den Jungen ein Feuer entfachen»
Urs und Maurus Dörig über die Faszination von Berufsmeisterschaften und ihre Wirkung auf junge Talente.

25. September 2026, Jan Riss
Urs Dörig gewann 1997 an der Berufsolympiade die Bronzemedaille, sein Sohn Maurus holte knapp drei Jahrzehnte später Gold an den EuroSkills. Beide wissen, was Berufsmeisterschaften jungen Berufsleuten abverlangen – und was sie auslösen können. 2029 kommen die SwissSkills nach St.Gallen. Für die beiden Zimmerleute von dörig & brülisauer aus Unterschlatt (AI) ist das weit mehr als ein Grossanlass: Es ist eine Chance, Jugendlichen Berufe erlebbar zu machen, Betriebe für die Nachwuchsförderung zu gewinnen und den Stellenwert der Berufsbildung in der Ostschweiz zu stärken.
Samstagmorgen in Unterschlatt. In der Werkstatt der dörig & brülisauer GmbH, idyllisch eingebettet in die Appenzeller Hügellandschaft, ist es ruhig. Doch der Eindruck täuscht. Das Geschäft läuft heiss. Egal ob Umbau oder Neubau: Zimmermannsarbeit ist derzeit gefragt. Und kaum jemand weiss besser als Urs und Maurus Dörig, was Spitzenleistung in diesem Beruf bedeutet.
Urs und Maurus Dörig, Sie haben beide an internationalen Berufsmeisterschaften Medaillen gewonnen. Was bleibt stärker in Erinnerung: die Medaille oder der Weg dorthin?
Maurus Dörig: Eindeutig alles rundherum. Die Menschen, die man kennenlernt, die persönliche Entwicklung, die Freude am Beruf. Handwerklich entwickelt man sich natürlich enorm weiter. Je höher das Niveau wird, desto mehr spielt sich aber auch im Kopf ab. Das Mentaltraining mit dem ehemaligen Spitzenschwinger Michael Bless war für mich deshalb ein wichtiger Teil der Vorbereitung, von dem ich auch langfristig profitiere. Aber klar: Im Endeffekt wollte ich diese Medaille unbedingt, habe fokussiert darauf hintrainiert – und freue mich auch heute noch sehr über den Titel.
Urs Dörig: Eine Medaille ist mit Ehre und Stolz verbunden und natürlich ein klares Ziel. Aber ihr Wert ist letztlich untergeordnet. Viel wichtiger ist die Erfahrung, sich einer enormen Herausforderung zu stellen. An einem internationalen Wettkampf arbeitet man über mehrere Tage unter hohem Zeitdruck und permanent an der eigenen Leistungsgrenze. Zu sehen, wie junge Berufsleute dabei über sich hinauswachsen, ist immer wieder eindrücklich. Dieses Selbstbewusstsein nehmen sie auch in ihren Berufsalltag mit.
Maurus, bei Ihnen verlief der Weg nicht geradlinig.
Maurus: Nein. Mein Lehrer meinte damals, die SwissSkills könnten etwas für mich sein. Ich habe mich ziemlich blauäugig angemeldet – als Einziger aus der Klasse. Ich wusste nicht, was mich erwartet, wie schwierig die Aufgaben sein würden oder wie sich der Zeitdruck anfühlt. Als ich die ersten Pläne sah, merkte ich schnell: Das ist nochmals eine ganz andere Liga. 2022 wurde ich Fünfter und war enttäuscht. Die Erfahrung gab mir aber Ansporn. Ein Jahr später gewann ich die Schweizer Meisterschaft.
Was hat diese erste Erfahrung ausgelöst?
Maurus: Sie war eine riesige Grenzerfahrung. Gleichzeitig wusste ich danach, woran ich arbeiten musste. Für die EuroSkills wurde die Vorbereitung dann nochmals viel professioneller. Über rund zwölf Monate kamen etwa 1000 Trainingsstunden zusammen. Man trainiert nicht nur das Handwerk, sondern auch den mentalen und körperlichen Bereich. Am Wettkampf muss alles zusammenpassen, man hat nur eine einzige Chance. Im Grunde ist das Spitzensport.

Zwei Generationen, zwei Champions: Urs und Maurus Dörig vor dem Familienbetrieb in Unterschlatt (AI).
Das klingt nach einem beträchtlichen Aufwand – auch für einen Arbeitgeber. Urs Dörig, warum soll ein KMU eine junge Mitarbeiterin oder einen jungen Mitarbeiter für eine Berufsmeisterschaft motivieren und unterstützen?
Urs: Weil es eine Investition in die Zukunft ist. Als Betrieb bildet man junge Menschen nicht nur aus, man entwickelt sich dabei auch selbst weiter. Berufsbildungsverantwortliche geben ihre Erfahrung und ihre Begeisterung weiter – und erhalten auch sehr viel zurück. Man sieht, zu welchen Leistungen junge Berufsleute fähig sind, wenn man ihnen etwas zutraut. Und die Erfahrungen fliessen wieder in den Betrieb ein. Gleichzeitig ist ein solcher Erfolg beste Werbung für den Beruf und den eigenen Betrieb.
Maurus: Die Vorbereitung auf die SwissSkills fand fast ausschliesslich in meiner Freizeit statt. Vom Betrieb braucht es deshalb vor allem Begeisterung, Rückhalt und etwas zeitliche Flexibilität. Wenn ein Betrieb einem jungen Menschen dieses Vertrauen schenkt, will man auch etwas zurückgeben.
«Berufsmeisterschaften sind eine Investition in die Zukunft.»
Urs Dörig
2029 finden die SwissSkills in St.Gallen statt. Was kann ein solcher Anlass in der Ostschweiz auslösen?
Urs: Sehr viel. Das Entscheidende ist, die Begeisterung breit in die Region und insbesondere in die Schulklassen zu tragen. An den SwissSkills können Jugendliche Berufe erleben, anstatt sie nur erklärt zu bekommen. Sie sehen junge Berufsleute, die mit Herzblut arbeiten und etwas Aussergewöhnliches leisten. Gerade bei Jugendlichen, die noch nicht wissen, wohin ihr Weg führt, kann das ein Feuer entfachen.
Maurus: Wenn man in der fünften oder sechsten Klasse einen solchen Anlass besucht und jemanden an einem Wettbewerb sieht, kann plötzlich ein Traum entstehen: «Das möchte ich auch einmal schaffen.» Diese Vorbilder sind wichtig. Nach meinem Erfolg hat mir einmal ein etwa 15-Jähriger gesagt, ich sei sein Vorbild. Das hat mich sehr gefreut und zeigt mir, dass bei solchen Momenten die Wirkung über die eigene Medaille hinausgeht.
«Plötzlich kann für Junge ein Traum entstehen: ‹Das möchte ich auch einmal schaffen.›»
Maurus Dörig
Wie wichtig sind Berufsmeisterschaften für euch als Berufsverband?
Urs: Sie haben einen grossen Imageeffekt. Jugendliche haben heute sehr viele Möglichkeiten und erhalten von allen Seiten Informationen. Umso wichtiger ist es, sie für einen Beruf zu packen, zu begeistern. Die SwissSkills zeigen die Qualität, die Vielfalt und die Perspektiven unserer Berufsbildung unmittelbar. Das ist etwas anderes, als nur darüber zu sprechen. Und es geht nicht nur um die Spitzenleute. Wir brauchen in unserer Branche alle. Die Besten sichtbar zu machen wertet einen Beruf insgesamt auf und sendet auch ein Signal an den Arbeitsmarkt.
Was müsste nach den SwissSkills 2029 bleiben, damit der Anlass für die Ostschweiz ein Erfolg war?
Urs: Zunächst will ich betonen, dass mich die Vergabe an St.Gallen als Durchführungsort wahnsinnig gefreut hat. Allein schon das ist ein Erfolg: dass die SwissSkills in der Ostschweiz stattfinden.
Erfolg wäre für mich, wenn Jugendliche dort einen Beruf entdecken, mit Freude eine Lehre beginnen und diese erfolgreich abschliessen. Unser duales Berufsbildungssystem ist eine riesige Stärke. Die SwissSkills bieten die Chance, diese Stärke sichtbar und erlebbar zu machen. Wenn es uns gelingt, nicht nur während einiger Tage Begeisterung zu erzeugen, sondern Jugendliche nachhaltig für Berufe zu gewinnen, haben wir viel erreicht.
Maurus: Dafür braucht es aber auch die Betriebe. Sie müssen bereit sein, junge Menschen zu fördern und ihnen etwas zuzutrauen – selbst wenn die Verantwortlichen selbst nie an einer Berufsmeisterschaft teilgenommen haben.
Was sagen Sie einem jungen Berufstalent, das sich eine Anmeldung für eine Berufsmeisterschaft überlegt?
Maurus: Mach es einfach. Wenn dir dein Beruf wirklich gefällt, bekommst du die Möglichkeit, etwas Besonderes daraus zu machen. Man weiss vorher nicht, wohin der Weg führt. Aber genau das macht ihn wertvoll.
Urs: Es ist eine einmalige Chance, sich mit Gleichgesinnten zu messen und herauszufinden, was in einem steckt. Diese Erfahrung kann einem niemand mehr nehmen.
Urs Dörig
– Jahrgang 1975
– Geschäftsführer und Inhaber der Dörig & Brülisauer GmbH
– Präsident Nationalteam beim Berufsverband Holzbau Schweiz
– 1997 3. Platz Berufsolympiade (heute WorldSkills)
– Engagiert sich seit Jahren in der Förderung junger Berufstalente
– Lieblingsholz: Eiche (robust, vielseitig bearbeitbar), Föhre (Geruch / Verarbeitung)
Maurus Dörig
– Jahrgang 2004
– Zimmermann bei dörig & brülisauer GmbH
– 2023 Schweizer Meister an den SwissSkills in Buchs
– 2025 Gold an den EuroSkills in Herning, Dänemark
– Rund 1000 Trainingsstunden für die Vorbereitung auf die EuroSkills
– Lieblingsholz: Fichte (gängigster Werkstoff), Föhre (leicht bearbeitbar)



