Schriftenreihe Aussenhandel
Bedeutung des Aussenhandels für die (Ost-)Schweiz

13. Mai 2026
Die Ostschweiz ist Weltwirtschaft im Kleinformat: Rohstoffe kommen von überall her – die Wertschöpfung entsteht hier. Warum hängt so viel Beschäftigung und Wohlstand daran, dass Vorprodukte pünktlich eintreffen und Absatzmärkte offen bleiben?
Dass (Ost-)Schweizer Unternehmen stark auf internationale Zulieferer setzen, hat wirtschaftliche, geografische und strukturelle Gründe. Mitteleuropa verfügt kaum über Rohstoffe. Die Schweiz hat sich auf die Veredelung spezialisiert: Sie importiert Vorleistungen – etwa Kakaobohnen, Leiterplatinen oder Chemikalien – und verarbeitet sie zu hochwertigen Produkten wie Schokolade, Präzisionsinstrumenten oder Pharmaprodukten. Der Vorteil liegt nicht im Zugang zu günstigen Rohstoffen, sondern in Know-how, Qualität und Innovation. Die Kernregion Ostschweiz mit den Kantonen St.Gallen, Thurgau, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden weist eine hochgradig industriell geprägte und aussenhandelsorientierte Wirtschaftsstruktur auf.1
Diese Spezialisierung führt zu einer doppelten Abhängigkeit: Die Schweiz ist einerseits auf Zulieferer angewiesen, die wichtige Vorprodukte liefern, und andererseits auf Absatzmärkte, in denen sie ihre Endprodukte verkauft. Ihre Position inmitten globaler Wertschöpfungsketten hat weitreichende Folgen. Offene Märkte entscheiden über Gedeih oder Verderben.
Dies hat dazu geführt, dass der Aussenhandel heute ein zentraler Pfeiler für Beschäftigung und Wertschöpfung ist: Rund sieben von zehn Beschäftigten arbeiten schweizweit in Unternehmen, die im internationalen Warenhandel tätig sind.2 Die Schweiz erzielt zirka 40% ihrer gesamten Wirtschaftsleistung über den Aussenhandel.3
Die internationale Einbindung zeigt sich nicht nur im Waren-, sondern auch im Dienstleistungshandel: Rund 40% aller Exporte entfallen mittlerweile auf Dienstleistungen. In der öffentlichen Wahrnehmung ist dieser Exportteil weniger sichtbar, aber zunehmend bedeutender.4
Die gesamte Analyse, detaillierte Resultate unserer Mitgliederumfrage und die umfassende Position der IHK St.Gallen-Appenzell finden sie in unserer Schriftenreihe:
Die Ostschweiz ist Heimat zahlreicher Unternehmen, die in ihrer Nische namhafte Spitzenanbieter sind und schwer ersetzbare Produkte oder Dienstleistungen erzeugen.
Wussten Sie, dass…
- fast jedes Smartphone-Lautsprechergitter feines Metallgewebe aus Wolfhalden (Bopp & Co. AG) enthält?5
- Instrumente und Operationsplattformen aus Berneck (Oertli Instrumente AG) Augenoperationen in den entlegensten Regionen der Welt ermöglichen?
- aus Heiden (Sefar AG) stammende Präzisionsfiltergewebe bei der Filtration von Batteriematerialien wie Lithium, Nickel oder Kobalt eingesetzt werden und so die Reinheit und Leistungsfähigkeit moderner Elektrobatterien gewährleisten?
- mit einer Beschichtungstechnologie aus Trübbach (Evatec AG) unter anderem Kamera- und Sensormodule in Smartphones gefertigt werden?
- unzählige PET-Flaschen, Butterdosen und Kosmetiktuben weltweit ihre präzise Form dank Spritzgusswerkzeugen aus Uznach (Otto Hofstetter AG) erhalten?
Die hohen Aussenhandelsquoten zeigen, wie eng der wirtschaftliche Erfolg mit dem internationalen Handel verknüpft ist.6 Die Exportquote der Schweiz ist seit 2000 von 51% auf mittlerweile über 72% (2024) des BIP gestiegen. Die Importquote liegt bei 62% (2024).7 Daraus ergibt sich eine Aussenhandelsquote von 134% (2024), womit die Schweiz unter den OECD-Staaten auf den Spitzenrängen rangiert.8 Die Warenexportquote (WEQ) – das Verhältnis zwischen Warenexporten und Wirtschaftsleistung gemessen am BIP – beträgt in der Ostschweiz rund 25%. Sie liegt damit unter dem Schweizer Durchschnitt von zuletzt 35%. Der Schweizer Wert ist jedoch stark von den äusserst exportstarken Kantonen Basel-Stadt und Neuenburg getrieben, die aufgrund ihrer Pharma- bzw. Uhrenindustrien 20229 eine WEQ von 169% beziehungsweise 99% erreichten. Ohne diese «Sonderfälle» zeigt sich, dass die Ostschweiz im Vergleich zur übrigen Schweiz leicht überdurchschnittlich exportorientiert ist. Im internationalen Vergleich liegt sie klar über dem OECD-Durchschnitt von rund 20%.
Traditionelle Aussenhandelsstatistiken (wie oben beschrieben) erfassen nur Bruttoströme – ein Container, der mehrfach über Zwischenstationen verschifft wird, lässt den Welthandel anschwellen, ohne dass Mehrwert geschaffen wird. Dies verzerrt das Bild ökonomischer Abhängigkeiten. Eine OECD-Datenbank korrigiert diesen Effekt, indem sie den inländischen Wertschöpfungsanteil ausweist.
Dabei ist in erster Linie das produzierende Gewerbe von Interesse: Die Schweizer Industrie hat in den vergangenen 25 Jahren ihre Industriewertschöpfung mehr als verdreifacht. Gleichzeitig ist die Zahl der Beschäftigten um die Jahrtausendwende gesunken und seither stabil geblieben. Das bedeutet: Die Produktivität pro Kopf ist kräftig gestiegen, am stärksten im Pharmabereich. Technologischer Fortschritt und hochwertige Spezialisierungen haben dafür gesorgt, dass mit weniger Personal deutlich mehr Wert geschaffen wird.
Obwohl die Industrieproduktion in absoluten Zahlen gewachsen ist, verliert der Industriesektor in nahezu allen entwickelten Volkswirtschaften an Bedeutung – auch in der Schweiz. Seit den 1990er-Jahren öffneten sich viele Schwellen- und Entwicklungsländer stärker dem Welthandel und wurden Teil globaler Lieferketten westlicher Unternehmen. Während die hochproduktiven Tätigkeiten meist in den Industrieländern verblieben, wurden arbeitsintensive Prozesse in Länder wie China, Vietnam oder Bangladesch verlagert. Der Rückgang der Industriearbeitsplätze in Ländern wie der Schweiz hängt jedoch auch mit veränderten Konsumgewohnheiten zusammen: 1950 entfielen rund 70% der Konsumausgaben auf Waren, heute nur noch ein Drittel. Zwei Drittel entfallen inzwischen auf Dienstleistungen. Ein Grund ist die Preisentwicklung – durch höhere Produktivität wurden Industriegüter stetig günstiger, sodass ihr Anteil am Einkommen sank, während der Dienstleistungssektor wuchs.10
langfristig betrachtet ist der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gesunken. Gleichzeitig stieg das BIP pro Kopf von rund 57’000 CHF im Jahr 1991 auf fast 95’000 CHF im Jahr 2024.11 Der Rückgang des Industrieanteils liegt vor allem daran, dass die Dienstleistungsbranchen noch schneller gewachsen sind und mehr zur Wertschöpfung beigetragen haben.
Dass das produzierende Gewerbe in der (Ost-)Schweiz trotz hoher Produktionskosten wettbewerbsfähig sein kann, hängt von mehreren Faktoren ab: hohe Produktivität, ein liberaler Arbeitsmarkt, politische Stabilität, moderne Infrastruktur, ein starkes duales Bildungssystem sowie ein innovationsfreundliches Umfeld. Dies kompensiert hohe Lohnkosten.12 Kostenführerschaft ist nicht das Ziel; die (Ost-)Schweizer Unternehmen differenzieren sich im internationalen Wettbewerb primär über Qualität und Spezialisierung.
Handels- und Leistungsbilanz – Grundlagen, Funktionen, Probleme?
Die Handelsbilanz erfasst vereinfacht gesagt den Saldo zwischen Warenexporten und -importen eines Landes. Sie ist ein wichtiger Teil der Leistungsbilanz, die auch Dienstleistungen, Primär- (z.B. Zinsen, Dividenden) und Sekundäreinkommen (etwa Überweisungen) berücksichtigt. Während Bilanz im buchhalterischen Sinn Bestandsgrössen bezeichnet, handelt es sich hier um eine Stromgrösse: Erfasst werden sämtliche grenzüberschreitenden Zahlungen innerhalb eines Jahres. Handels- und Dienstleistungsbilanz sind der Pulsmesser einer offenen Volkswirtschaft wie der Schweiz. Sie zeigen, wie gut das Land im globalen Wettbewerb Waren und Dienstleistungen produziert und verkauft.

Handelsbilanzdefizit mit der EU – na und?
Ein Blick auf die Zahlen zeigt:13 Die Schweiz weist die vergangenen Jahre konstant ein Leistungsbilanzüberschuss vor, gegenüber der EU jedoch verzeichnet sie in vielen Jahren ein Handelsbilanzdefizit – sie importiert mehr Waren, als sie exportiert. Auch 2024 verzeichneten die Ostschweizer Kantone ein Minus von 1,6 Milliarden CHF. Auf den ersten Blick wirkt das problematisch. Doch eine solche Interpretation greift aus mehreren Gründen zu kurz:
- Erstens erzielt die Schweiz mit vielen Drittstaaten – etwa den USA oder Schwellenländern – deutliche Exportüberschüsse, vor allem bei Pharmazeutika, Präzisionsinstrumenten und Uhren. Diese Einnahmen kompensieren das EU-Defizit nicht nur, sondern führen insgesamt zu einem positiven Handelssaldo.
- Zweitens ist das Defizit strukturell erklärbar: Als rohstoffarmes Land ist die Schweiz auf Importe von Vorleistungen angewiesen. Nach dem sogenannten Veredelungsprinzip werden diese weiterverarbeitet und als hochwertige Produkte exportiert. Die Schweiz ist integraler Teil der mitteleuropäischen Industrie und bezieht viele Rohstoffe und Halbfabrikate – etwa Maschinen oder chemische Zwischenprodukte – aus der EU. Für eine auf Investitionsgüter spezialisierte Wirtschaft sind diese Importe unverzichtbar.
- Drittens werden Defizite in der Warenbilanz oft durch Überschüsse in der Dienstleistungsbilanz oder durch Kapitalerträge ausgeglichen – ein gewichtiger Faktor für eine hochentwickelte Finanz- und Dienstleistungswirtschaft wie die Schweiz.
Globale Leistungsbilanzüberschüsse – ein strukturelles Muster
Noch deutlicher wird das Bild in der Leistungsbilanz. Dort kompensieren Erträge aus Dienstleistungen und Kapitalanlagen die Warenimporte aus der EU deutlich. So entstehen stabile Überschüsse – typisch für eine hochspezialisierte und kapitalexportierende Volkswirtschaft. In den letzten Jahren betrugen sie teils mehrere Prozent des BIP. Die Aussenhandelsstatistik zeigt zudem die Schlüsselrolle der Chemie- und Pharmabranche, die einen grossen Teil des Exportüberschusses generiert, insbesondere im Handel mit Ländern ausserhalb der EU.
Fazit
Ein Handelsbilanzdefizit ist ökonomisch nicht automatisch ein Schwächesignal – ausser man folgt merkantilistischen Vorstellungen oder glorifiziert Warenexporte pauschal, wie etwa im «Trumpismus». Entscheidend ist, warum ein Defizit entsteht und wie es finanziert wird. Im Fall der Schweiz ist es Resultat enger Integration in den EU-Binnenmarkt und seiner Rolle als Importeur von Vorleistungen. Gleichzeitig erzielt die Schweiz gegenüber Drittstaaten – wie den USA, China oder dem Vereinigten Königreich – deutliche Überschüsse. Diese übertreffen das EU-Defizit bei Weitem und sorgen für eine dauerhaft positive Leistungsbilanz. Dass nicht alle Länder Überschüsse erzielen können, ist eine logische Folge internationaler Arbeitsteilung. Das Defizit mit der EU ist deshalb kein Problem, sondern Ausdruck globaler Spezialisierung und Voraussetzung für den Erfolg der Schweizer Wirtschaft im Welthandel.14
Die gesamte Analyse, detaillierte Resultate unserer Mitgliederumfrage und die umfassende Position der IHK St.Gallen-Appenzell finden sie in unserer Schriftenreihe:
Die Position der IHK: Stark bleiben in einer unsicheren Welt – durch klare Regeln, offene Märkte und verlässliche Partnerschaften
Die Schweiz ist zu klein für Machtspiele und doch zu wichtig, um auf dem Nebenschauplatz zu stehen.
Ihre Bedeutung beruht nicht auf Grösse, sondern auf Verlässlichkeit, Spezialisierung und Innovationskraft. In einer Welt wachsender Unsicherheit behauptet sie sich durch klare, berechenbare Regeln und marktwirtschaftliche Ordnung. Investitionen in Bildung, Forschung, Infrastruktur und Digitalisierung fördern Anpassungsfähigkeit und stärken das Vertrauen in den Standort.
Die Schweiz setzt auf Rahmenbedingungen statt Industriepolitik.
Bilaterale Beziehungen zur EU weiterentwickeln – Stillstand gefährdet Export, Innovation und Arbeitsplätze. Die EU ist für die Ostschweiz der bedeutendste Markt im Ausland. Reibungsloser Handel mit Nachbarländern hält Lieferketten stabil und stärkt die Produktion vor Ort. Bleiben Aktualisierungen der Abkommen aus, entstehen für die regionale Industrie schrittweise Hürden. Eine moderne Partnerschaft mit der EU bewahrt unseren Zugang zum EU-Binnenmarkt und sichert Innovationskraft, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Ostschweiz.
Freihandel und Diversifikation eröffnen Chancen weltweit – zu grosse Abhängigkeiten machen verwundbar.
Die Ostschweiz kann in Wachstumsregionen neue Kundinnen und Kunden gewinnen, wenn moderne Freihandelsabkommen den Zugang erleichtern und Kosten senken. Gleichzeitig stärkt jede Erweiterung des Marktes die Unabhängigkeit: Wer mehrere Absatz- und Beschaffungswege hat, reagiert besser auf Krisen und geopolitische Konflikte. Diversifizierter Handel erhöht die Widerstandskraft unserer regionalen Wirtschaft.
1 IHK (2023)
2 SECO (2021a)
3 Müller (2019)
4 SECO (2025d)
5 Landmark (2023)
6 Braml & Felbermayr (2024)
7 Weltbank (2025c); Weltbank (2025d)
8 Weltbank (2025b)
10 Schmid & Güttinger (2025)
11 BFS (2025)
12 Arvantinis et al. (2014); Nathani & Hellmüller (2014); IMD (2025)
13 Turuban (2025)
14 Felbermayr und Braml (2024)