Schwerpunktthema Staat versus Privat

In der Schweiz arbeiten immer mehr Menschen in staatlichen oder staatsnahen Branchen.

Gesundheits- und Sozialwesen als Treiber

Die Beschäftigungsstrukturen in der Ostschweiz sind in Bewegung. Seit 2008 gehen in der Industrie Arbeitsplätze verloren. Dynamisch entwickelt sich der Arbeitsmarkt hingegen im Dienstleistungssektor, insbesondere im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der öffentlichen Verwaltung.

von Peter Eisenhut, Managing Partner, ecopol ag

 In den letzten Jahren ist viel von einem schweizerischen «Beschäftigungswunder» die Rede. Die Schweiz, und insbesondere die Ostschweiz, weist schon seit Jahrzehnten die niedrigsten Erwerbslosenquoten im Vergleich zu den übrigen Ländern Europas aus. Daran hat sich auch in den  schwierigen Jahren seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 nicht viel geändert. Erste Kratzer bekommt das Arbeitswunderland Schweiz, wenn man die Erwerbslosenquote auf regionaler Ebene als Massstab heranzieht. Dann zeigt sich nämlich, dass sich einige Regionen – insbesondere in unseren Nachbarländern Deutschland und Österreich – genauso gut oder sogar besser geschlagen haben.  Mit «Beschäftigungswunder» ist allerdings nicht so sehr die gewohnt tiefe Arbeitslosigkeit gemeint als vielmehr das erstaunliche Wachstum der Beschäftigten vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und der nur langsam an Fahrt gewinnenden Konjunktur.

Beschäftigungswunderland Schweiz
Die nackten Zahlen belegen es: Seit 2008 sind in der Schweiz bis zum ersten Quartal 2014 mehr als 200 000 Arbeitsstellen1 entstanden, was einem Wachstum von gut 6% entspricht. Es lohnt sich, einen etwas genaueren Blick auf diese bemerkenswerte Dynamik des schweizerischen Arbeitsmarktes zu werfen. So sind in diesem Zeitraum in der Industrie rund 23 000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Der eindrückliche Zuwachs ist auf den Dienstleistungssektor zurückzuführen. Dabei gehen mehr als die Hälfte der neu geschaffenen Stellen auf das Konto des Gesundheits- und Sozialwesens, der Erziehung und des Unterrichts sowie der öffentlichen Verwaltung. Damit bestätigt sich ein bereits seit Langem anhaltender Trend: Der Anteil der Beschäftigten in diesen staatlichen und staatsnahen Branchen2 wächst, während der Anteil in der übrigen Wirtschaft schrumpft. Arbeiteten 1991 noch 23% der Angestellten in staatlichen und staatsnahen Branchen, ist dieser Anteil auf aktuell 34% angestiegen. Umgekehrt sank der Anteil der übrigen Branchen von 77% auf 66%.

Wachstum in staatlichen und staatsnahen
Branchen verhindert Arbeitsplatzverluste
Auch in der Ostschweiz zeigt sich eine ähnliche Entwicklung. So ist im Kanton St.Gallen die Beschäftigung in der Industrie seit 2008 um 3 700 (−4,5%) gesunken, während sie in den Dienstleistungsbranchen um 6 500 Stellen (+5,3%) angestiegen ist. Auf Ebene der Branchen sind für die einzelnen Kantone keine aktuellen Daten verfügbar. Deshalb muss auf die Betriebszählungen der Jahre 2005 und 2008 sowie die Statistik der Unternehmensstruktur aus dem Jahr 2011 zurückgegriffen werden. Von 2008 bis 2011 ist die Beschäftigung der Kantone St.Gallen und beider Appenzell in den staatlichen und staatsnahen Branchen um 5,2% (+2 302) gestiegen, während in den übrigen Branchen 1% der Arbeitsstellen (−2 220) verloren ging. Gesamthaft stagnierte deshalb die Beschäftigung beinahe. Sowohl in der Schweiz als auch in der Ostschweiz ist der dominante Treiber des Stellenzuwachses das Gesundheits- und Sozialwesen. Die Anzahl Arbeitsplätze ist in diesen beiden Branchen in den Kantonen St.Gallen, Appenzell Inner- und Ausserrhoden von 2005 bis 2011 um rund 5 200 bzw. 23% angestiegen. Bereits jede neunte St.Galler oder Appenzeller Arbeitskraft arbeitet im Gesundheits- und Sozialwesen, jede sechste in staatlichen oder staatsnahen Branchen.

Dynamische Ostschweizer Verwaltung
Auch in der öffentlichen Verwaltung steigt die Anzahl ­Beschäftigter kontinuierlich an, liegt jedoch mit einem Wachstum von 6% deutlich hinter dem Expansionstempo des Gesundheits- und Sozialwesens zurück. Von 2005 bis 2011 sind in der Verwaltung von St.Gallen und beider Appenzell rund 400 neue Arbeitsplätze aufgebaut worden. Im Vergleich dazu war in der Branche «Erziehung und Unterricht» ein bescheidenes Wachstum von 1,2% bzw. 140 Stellen zu registrieren.

Trügerische Beschäftigungsentwicklung?
Grundsätzlich ist ein Wachstum der Beschäftigung ja ein Grund zur Freude. Werden die Arbeitsplätze aber einseitig bei staatlichen oder staatsnahen Branchen geschaffen, wird die Freude gedämpft. Zum einem wohl deshalb, weil mit dem Wachstum der Stellen auch steigende Kosten verbunden sind, welche nicht oder nur teilweise direkt von den Kunden getragen werden. Zur Kostendeckung dienen auch Steuergelder und – noch dazu subventionierte – Versicherungsprämien. Diese Finanzierung über Zwangs­abgaben kann zu Fehlanreizen und einer über Gebühr ansteigenden Nachfrage führen. Nicht zuletzt bestehen berechtigte Unsicherheiten bezüglich der Auswirkungen auf das Wachstum der Wertschöpfung und der Wohlfahrt. Insbesondere die neu geschaffenen Stellen in der Verwaltung werden als Ausdruck von steigender Bürokratie und Regulierungsflut mit negativen Folgen auf das Wachstum interpretiert. Ist ein Beschäftigungswachstum nur einseitig auf staatliche und staatsnahe Branchen zurückzuführen, dürfte sich das Wachstum als nicht nachhaltig erweisen.

1 Als Massstab zur Messung der Arbeitsplätze werden in diesem Artikel die vollzeitäquivalenten Beschäftigungsdaten (VZÄ) verwendet.
2 Zu den staatlichen und staatsnahen Branchen zählen die Branchen «Gesundheits- und Sozialwesen» (mit Heimen), «öffentliche Verwaltung/ Verteidigung/Sozialversicherung» sowie «Erziehung und Unterricht».

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